Urteilskraft

Die Urteilskraft ist nach Kant eines von drei “Seelenvermögen” bzw. “Vermögen des Gemüts”.  Während der Verstand ein Erkenntnisvermögen ist und die Gesetzmäßigkeit der Natur konstituiert, und während die Vernunft als (oberes) Begehrungsvermögen den Endzweck der Freiheit realisiert, ist die Urteilskraft auf das Gefühl der Lust und Unlust bezogen. Ihr Prinzip ist das der (holistischen) Zweckmäßigkeit, geht also über das des Verstandes hinaus (Überdetermination). Ihr Anwendungsbereich ist die Kunst, oder auch das organisch strukturierte Leben.

Kant unterscheidet zwei Formen der Urteilskraft: die bestimmende und die reflektierende. Während die bestimmende Urteilskraft einen konkreten Fall unter eine gegebene allgemeine Kategorie “subsumiert”, findet die reflektierende Urteilskraft das Allgemeine nicht vor, sondern setzt dieses selbst, und ordnet ihm dann die so bestimmten Fälle unter. Daran wird deutlich, dass die Urteilskraft zwei Aktivitätsmomente umfasst und eine Art “Mittelglied” zwischen Verstand und Vernunft darstellt: Sie kategorisiert und finalisiert zugleich. Nach Kant ist der Status von organisch strukturiertem Leben nicht derart objektiv, wie es bei physikalischen Naturphänomen (nexus effectivus) der Fall ist, deren Objektivität sich den transzendentalen Verstandeskategorien (Kausalität, Substanz, Einheit, …) verdankt. Dennoch sind teleologische Aussagen nach Kant nicht “sinnlos”, sondern orientieren uns durch regulative Heuristiken (nexus finalis) in der Unübersichtlichkeit der Natur.

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Über Jörg Noller

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