Teleologie

Naturgesetz und Teleologie (Kant)

  1. Zur Geschichte des Teleologie-Begriffs

Teleologie setzt sich aus den griechischen Begriffen τέλος (= Ziel, Ende, Zweck) und λόγος (=Lehre) zusammen.[1] Die Beschäftigung mit der Zweckmäßigkeit hat eine lange Vorgeschichte, wobei meistens nicht die menschliche Handlungsweise von seiner Zielsetzung aus betrachtet wurde. Vielmehr wurde die Zweck-Mittel-Begrifflichkeit auf Bereiche außerhalb des menschlichen Willens angewandt. Auch wenn diese zweckmäßige  Behandlung von auch nicht-menschlich bezweckten Phänomenen wie z.B. die zweckmäßige Erklärung des Instinktverhaltens von Tieren oder die Erklärung organischer Zielgerichtetheit schon lange thematisiert wurden,[2] handelt es sich bei dem Begriff der Teleologie um einen Neologismus von Christian Wolff, der bei der Einteilung der Disziplinen in seiner Logica (1728) die Teleologie als den Teil der Naturphilosophie bezeichnet, der sich mit der Erklärung der Zweckmäßigkeit der Dinge beschäftigt.[3] Die Teleologie erhält somit einen systematischen Platz in System der Wissenschaften.[4] Als geläufiger Begriff setzt sich die Teleologie jedoch erst mit Kant durch, der den epistemischen Status der teleologischen Beurteilung der Prüfung unterzieht[5] und die physikalische Teleologie auf die Rolle eines Leitprinzips für Beobachtungen in der Natur beschränkt.[6]

  1. Gesetze der Natur bei Kant

Kant unterscheidet die empirischen Naturgesetze von den allgemeinen Gesetzen der Natur. Die allgemeinen Gesetze der Natur gelten a priori und sind Bedingungen jeder Erfahrungserkenntnis.[7] Neben der Unterscheidung von den empirischen Naturgesetzen unterscheidet Kant die Gesetze der Natur von den Gesetzen der Freiheit und in der Kritik der Urteilskraft zusätzlich von dem Prinzip der reflektierenden Urteilskraft, die eine dritte  Gesetzlichkeit darstellt.[8] Die Gesetze der Natur sind nach Kant objektiv allgemein gültig, sofern sie nicht von den Dingen an sich, sondern von den Erscheinungen gelten.[9] Der Verstand ist dabei Quell der Gesetze der Natur: „[D]er Verstand schöpft seine Gesetze (a priori) nicht aus der Natur, sondern schreibt sie dieser vor“.[10] Die empirischen Naturgesetze lassen sich allerdings nur eingeschränkt auf diese aus dem Verstand entsprungenen Gesetze a priori, wie das Prinzip der kausalen Verknüpfung der Wahrnehmung zurückführen.[11] In seiner Kritik der reinen Vernunft deutet Kant bereits darauf hin, dass der Geltungsbereich der Gesetze der Natur eingeschränkt ist: „Ein Gewächs, ein Thier, die regelmäßige Anordnung des Weltbaues (vermuthlich also auch die ganze Naturordnung) zeigen deutlich, daß sie nur nach Ideen möglich sind.“[12]

  1. Organismus als Anwendungsbereich der Teleologie

In der Kritik der Urteilskraft schreibt Kant, dass es keinen Newton des Grashalms geben könne, denn es liegt zumindest nicht im Vermögen des Menschen, den teleologischen Organismus nach mechanischen Prinzipien zu erklären:

„Es ist nämlich ganz gewiß, daß wir die organisirten Wesen und deren innere Möglichkeit nach bloß mechanischen Principien der Natur nicht einmal zureichend kennen lernen, viel weniger uns erklären können; und zwar so gewiß, daß man dreist sagen kann: es ist für Menschen ungereimt, auch nur einen solchen Anschlag zu fassen, oder zu hoffen, daß noch etwa dereinst ein Newton aufstehen könne, der auch nur die Erzeugung eines Grashalms nach Naturgesetzen, die keine Absicht geordnet hat, begreiflich machen werde; sondern man muß diese Einsicht den Menschen schlechterdings absprechen.“[13]

Ausschließlich der Organismus verschafft dem Zweck in der Natur objektive Realität und legitimiert die Verwendung der Teleologie in der Naturwissenschaft.[14]  Er basiert nicht auf einer Ursache-Wirkung-Verknüpfung (nexus effektivus) sondern folgt einer zweckgerichteten Kausalität (nexus finalis);[15] er ist von sich selbst Ursache und Wirkung.[16] Dass das Urteil über Organismen als Naturzweck eine spezielles, vom Mechanismus verschiedenes Prinzip für das Urteil benötigt, begründet sich durch deren Fähigkeiten: Fortpflanzung (ein Baum erzeugt zum Beispiel einen anderen Baum), Wachstum (ein Baum erzeugt sich selbst als Individuum) und die wechselseitige Abhängigkeit einzelner Teile des Organismus (die Blätter sind zum Beispiel einerseits Produkte des Baumes, dienen aber andererseits auch zur Erhaltung des Baumes).[17] Dieses Prinzip der Zweckmäßigkeit in der Natur wird nicht wie die Gesetze der Natur dem Verstand zugeschrieben, sondern ist ein Prinzip der reflektierenden Urteilskraft.

  1. Teleologie als Gegenstand der reflektierenden Urteilskraft

Was meint Kant nun damit, dass die teleologische Beurteilung der Natur zur reflektierenden Urteilskraft gehört? Nach Kant hat man gute Gründe, eine subjektive Zweckmäßigkeit der Natur anzunehmen.[18] „Dass aber Dinge der Natur einander als Mittel zu Zwecken dienen, und ihre Möglichkeit selbst nur durch diese Art von Causalität hinreichend verständlich sei, dazu haben wir keinen Grund“.[19] Dies begründet er damit, dass es a priori nicht möglich ist, Zwecke zu erklären, die im Gegensatz zu einer subjektiven Zweckmäßigkeit nicht von uns und auch nicht von der Natur kommen. Diese sollen allerding eine besondere Kausalität oder eigene Gesetzmäßigkeit aufweisen.[20] Kant sieht die Teleologie wenigstens als ein „Prinzip mehr, die Erscheinungen derselben unter Regeln zu bringen, wo die Gesetze der Causalität nach dem bloßen Mechanism derselben nicht zulangen.“[21] Dies bedeutet allerdings nicht, dass eine mechanische Erklärung des Organismus grundsätzlich ausgeschlossen werden muss. [22] Wenn wir uns ein Ganzes als Ergebnis seiner Teile und deren Kräfte und Vermögen betrachten, dann verbinden wir mit dieser Erzeugung des Ganzen aus seinen Teilen eine mechanische Erzeugung. Bei einem Organismus benötigen wir eine Vorstellung eines Ganzen als Zweck, der eine Idee eines Ganzen voraussetzt und sich somit von der der mechanischen Vorstellung des Ganzen unterscheidet.[23] Dabei ist es wichtig zu erwähnen, dass wir diese Vorstellung eines Ganzen bei der Betrachtung eines Organismus benötigen. Unser Verstand geht vom Analytisch-Allgemeinen zum Besonderen. Wenn uns das Allgemeine nicht gegeben ist, dann ist das Besondere für uns zufällig, und wir müssen es zweckmäßig denken.[24] Unser Verstand ist ein diskursiver Verstand.[25] Es lässt sich aber auch ein intuitiver Verstand denken, der vom Synthetisch-Allgemeinen zum Besonderen geht. Das heißt, er geht vom Ganzen aus und geht zu den Teilen des Ganzen über. Wenn ihm das Ganze als solches gegeben ist, dann muss er die Verbindung der Teile des Ganzen nicht mehr als zufällig denken und somit nicht mehr zweckmäßig.[26] Diese Vorgehensweise bleibt uns allerdings durch unseren Verstand verwehrt, und wir müssen den Organismus als zweckmäßig denken. Dabei kann nach Kant die teleologische Beurteilung in der Naturforschung Anwendung finden, „aber nur um sie nach der Analogie mit der Causalität nach Zwecken unter Prinzipien der Beobachtungen und Nachforschung zu bringen, ohne sich anzumaßen sie danach zu erklären.“[27] Sie ist damit ein bloß regulatives Prinzip für die Beurteilung der Erscheinungen.[28] Damit unterscheidet sie sich von den konstitutiven Prinzipien des Verstandes (Naturkausalität) und gehört statt zur bestimmenden Urteilskraft zur reflektierenden Urteilskraft, denn, „[a]llein die reflektierende Urteilskraft soll unter einem Gesetze subsumieren, welches noch nicht gegeben und also in der That nur ein Princip der Reflexion über Gegenstände ist, für die es uns objektiv ganz an einem Gesetze mangelt, oder an einem Begriffe vom Object, der zum Prinzip für vorkommende Fälle hinreichend wäre.“[29] Diese Zuordnung zur reflektierenden Urteilskraft führt allerdings dazu, dass eine notwendige Annahme, einer absichtlich wirkenden Ursache, für die Möglichkeit der Organismen, nur subjektiv für uns gilt, jedoch nicht objektiv für die Organismen selbst. Um ein Ding nun als Naturzweck zu beurteilen, muss sowohl das Prinzip der Zweckmäßigkeit, als auch untergeordnet der Mechanismus herangezogen werden.[30] Aufgrund dessen begründet Kant auch folgende Vorhergehensweise für das Naturstudium:

„[A]lle Producte und Ereignisse der Natur, selbst die zweckmäßigsten so wie mechanisch zu erklären, als es immer in unserm Vermögen […] steht, dabei aber niemals aus den Augen zu verlieren, daß wir die, welche wir allein unter dem Begriffe vom Zwecke der Vernunft zur Untersuchung selbst auch nur aufstellen können, der wesentlichen Beschaffenheit unserer Vernunft gemäß, jene mechanischen Ursachen ungeachtet, doch zuletzt der Causaliät nach Zwecken unterordnen müssen.“[31]

Im welchen Verhältnis steht nun die Teleologie zu den Wissenschaften? Gehört sie zur Naturwissenschaft oder zur Theologie? Für Kant ist klar, dass die Teleologie nicht der Theologie zugeordnet werden kann, „[d]enn sie hat Naturerzeugungen und die Ursache derselben zu ihrem Gegenstande.“[32] Sie gehört aber auch nicht zur Naturwissenschaft, da diese „um von Naturwirkungen objective Gründe anzugeben“, bestimmende und nicht nur reflektierende Prinzipien benötigt.[33] Die Teleologie gehört zu keiner Doktrin. Sie dient nur zur Naturbeschreibung (nicht der theoretischen Naturwissenschaft),  die „nach einem besonderen Leitfaden abgefaßt ist.“[34]

  1. Heautonomie und Freiheit

Nach dem Prinzip der Urteilskraft müssen wir den Organismus als Naturzweck denken. Dieses Prinzip lautet: „Ein organisiertes Produkt der Natur ist das, in welchem alles Zweck und wechselseitig Mittel ist.“[35]. Dadurch, dass der Organismus so vorgestellt werden muss, dass seine Kausalität einer zweckgerichteten Kausalität entspricht, weist der Organismus Ähnlichkeiten zum Menschen als vernünftiges Wesen auf. In der Grundlegung der Metaphysik der Sitten nennt Kant  das „Prinzip der Menschheit und jeder vernünftigen Natur überhaupt als Zweck an sich selbst“[36] als „oberste einschränkende Bedingung der Freiheit der Handlungen eines Menschen“[37]. Führt allerdings damit die Betrachtung des Organismus als Naturzweck dazu, dass dem Organismus Freiheit zugesprochen werden muss? Dem würde Kant nicht zustimmen. Freiheit und eine zweckgerichtete Kausalität lassen sich für uns nur am Menschen erkennen:

„Nun haben wir nur eine einzige Art Wesen in der Welt, deren Kausalität teleologisch, d.i. auf Zwecke gerichtet, und doch zugleich so beschaffen ist, daß das Gesetz, nach welchem sie sich Zwecke zu bestimmen haben, von ihnen selbst als unbedingt und von Naturbedingungen unabhängig, an sich aber als notwendig vorgestellt wird. Das Wesen dieser Art ist der Mensch, aber als Noumenon betrachtet, das einzige Naturwesen, an welchem wir doch ein übersinnliches Vermögen (die Freiheit) und sogar das Gesetz der Kausalität […], von Seiten seiner eigenen Beschaffenheit erkennen können.“[38]

Die zweckmäßige Betrachtung des Organismus stellt nur eine entfernte Analogie zu einer Kausalität nach Zwecken dar und dient nicht zur Erklärung des Organismus. Als ein subjektives Prinzip, dass sich die Urteilskraft zur Reflexion selbst gibt, stellt die Zweckmäßigkeit der Natur kein autonomes Gesetz, wie das Sittengesetz, sondern ein heautonomes Prinzip der reflektierenden Urteilskraft dar.[39]  Kant, bei dem nun die Zweckmäßigkeit der Natur nur ein Begriff zur Reflexion darstellt, gilt als klassischer Vertreter einer nicht-objektivistischen Teleologie.[40] Hans Jonas hingegen vertritt eine objektivistische Teleologie. Die Natur wird nicht wie bei Kant nur zweckmäßig, also in einer Analogie nach Zwecken, beurteilt, sondern sie ist im realistischen Sinne zweckhaft. Der Naturzweck wird von ihm als ontologischer Begriff behandelt[41], und die Teleologie lässt sich nicht vom Organismus trennen: „Es gibt keinen Organismus ohne Teleologie“.[42] Dabei beschränkt sich Hans Jonas aber nicht nur auf eine Ausweitung des Zweckbegriffes auf alle organischen Wesen, sondern sieht auch den Freiheitsbegriff als Kategorie, die, nicht wie bei Kant nur auf den Menschen beschränkt ist, sondern allen Organismen zukommt: „,Freiheit‘ muß einen objektiv unterscheidbaren Seinsmodus bezeichnen, d.h. eine Art zu existieren, die dem Organischen per se zukommt und insofern von allen Mitgliedern, aber keinen Nichtmitglied, der Klasse ,Organismus‘ geteilt wird.“[43] Während Kant also den Begriff des Zwecks und der Freiheit im eigentlichen Sinne nur auf den Menschen anwendet und die Teleologie als heuristisches Mittel zur Naturbetrachtung hinzuzieht, weitet Jonas den Zweck- und Freiheitsbegriff im eigentlichen Sinne auf alle organischen Wesen aus.

 

[1] Joachim Ritter: Historisches Wörterbuch der Philosophie /10 : St – T. Völlig neubearb. Ausg. des „Wörterbuchs der philosophischen Begriffe“ von Rudolf Eisler, Darmstadt 1998, Teleologie; teleologisch, S. 970-979, hier: S. 970 Sp. 2.

[2] Vgl. Ebd.

[3] Vgl. Ebd.

[4] Vgl. Marcel Quarford: Teleologie, teleologisch, in: Markus Willaschek (hrsg.): Kant-Lexikon /3 : Sache – Zyniker, Zynismus, Berlin 2015, S. 2258 Sp.1- S. 2261 Sp.2, hier: S. 2258 Sp. 2.

[5] Vgl. Ritter: Teleologie, S. 970 Sp. 2.

[6] Vgl. Quarford: Teleologie, S. 2258 Sp. 2.

[7] Vgl. Gestze der Natur, in: Markus Willaschek (hrsg.): Kant-Lexikon /2 : Habitus – Rührung, Berlin 2015, S. 823 Sp. 2-  S. 826 Sp 1, hier: S. 823 Sp. 1.

[8] Vgl. Ebd.

[9] Vgl. Ebd.

[10] MAN, AA 04: 320.

[11] Vgl. Gesetz der Natur, S. 824 Sp. 1.

[12] KrV, B 374.

[13] KU, AA 05: 400.

[14] Vgl. KU, AA 05: 375.

[15] Vgl. KU, AA 05: 372.

[16] Vgl. KU, AA 05: 373f.

[17] Vgl. KU, AA 05: 371f.

[18] Vgl. KU, AA 05: 359.

[19] KU, AA 05: 359.

[20] Vgl. KU, AA 05: 359.

[21] KU, AA 05: 360.

[22] Vgl. KU, AA 05: 408.

[23] Vgl. KU, AA 05: 408.

[24] Vgl. KU, AA 05: 183f.

[25] Vgl. KU, AA 05: 407.

[26] Vgl. KU, AA 05: 407.

[27] KU, AA 05: 360.

[28] Vgl. KU, AA 05: 361.

[29] KU, AA 05: 385.

[30] Vgl. KU, AA 05: 413f.

[31] KU, AA 05: 415.

[32] KU, AA 05: 416.

[33] KU, AA 05: 417.

[34] KU, AA 05: 417.

[35] KU, AA 05: 376.

[36] GMS, AA 04: 430.

[37] GMS, AA 04: 430f.

[38] KU, AA 05: 435.

[39] Vgl. KU, AA 05: 185f.

[40] Vgl. Song, Ahn-Jung: Organismustheorie im ethischen Diskurs – Eine Untersuchung zur Philosophie des Lebens bei Hans Jonas, Münster 2000. S. 72.

[41] Vgl. Ebd., S. 76f.

[42] Hans Jonas: Organismus und Freiheit. Ansätze einer philosophischen Biologie, Göttingen 1973, S. 142.

[43] Ebd., S. 14.

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