Der Seelenbegriff bei Aristoteles

  1. Das Buch De Anima

Die „wichtigste Schrift“ (Rapp 2001, S.178) die Aristoteles über die Seele hinterlassen hat ist das Buch De Anima (Über die Seele). [Link: Zusammenfassung 2. und 3. Sitzung: Aristoteles , De Anima] Er fragt gleich am Anfang des zweiten Buches dieser Schrift danach, „was die Seele ist“ (An. II 1, 412a5) und „welches ihr allgemeinster Begriff ist“ (An. II 1, 412a5).

  1. Abgrenzung gegenüber Vorläufer-Theorien (insbesondere gegenüber Platon)

De Anima Buch I

Aristoteles grenzt sich gegenüber dem Dualismus als auch dem Monismus ab und entwickelt einen Hylemorphismus bei dem Körper und Seele notwendigerweise miteinander verbunden sind.

  1. Körper (sôma), Seele (psyché) und Leben (zoé)

Aristoteles unterscheidet zwischen natürlichen Körpern die ein Leben haben und denen die kein Leben haben, wobei er unter Leben versteht „Ernährung (eines Körpers), Wachstum, Abnahme durch sich selbst“ (An. II 1, 412a14 f.). Jeder Körper hat „seine eigene Form und Gestalt“ (An. I 3, 407b25).

Die Seele ist „Ursache und Grund“ (An. II 4, 415b9) „des lebenden Körpers“ (An. II 4, 415b9). Durch sie unterscheidet sich der lebendige Körper, der über bestimmte Fähigkeiten verfügt, von „einem toten Körper“ (Rapp 2001, S.178). Aristoteles differenziert nicht zwischen Fähigkeiten bspw. Wachstum und geistigen Fähigkeiten bspw. Wahrnehmen (Rapp 2001, S. 180).

Wie verhalten sich Seele und Körper zueinander?

Die Seele ist keine „beliebige Seele“ (An. I 3, 407b23) die „in einen beliebigen Körper“ (An. I 3, 407b23) eindringen kann. Nach Aristoteles Ansicht gehen Körper und Seele eine „Gemeinschaft“ (An. I 3, 407b18) ein und da beliebige Dinge keine „solche Wechselbeziehung“ (An. I 3, 407b19) eingehen können, können Seele und Körper nicht beliebig sein.

Die Seele als Ursache des lebenden Körpers

→Vier-Ursachen-Lehre: Wirkursache, Stoffursache (Materie), Formursache und Zweckursache

Die Seele als Grund des lebenden Körpers

Seele = „Wesenheit im begrifflichen Sinne“ (An. II 1, 412b10)

„[…] Deshalb ist die Seele die vorläufige Erfüllung des natürlichen Körpers, welcher der Möglichkeit nach Leben besitzt. Ein solcher ist der mit Organen (passenden Werkzeugen) ausgestattete.“ (An. II 1, a12a27-412b1)

  1. Materie und Form

Materie = „Möglichkeit“ (An. II 1, 412a10)

Form = „[…] Erfüllung, und zwar in doppeltem Sinne, einmal wie das Wissen, das andere Mal wie das Betrachten“ (An. II 1, 412a10 f.)

  1. Hylemorphismus bei Körper und Seele

Die aristotelische Seelenlehre wird auch als hylemorphistische Seelenkonzeption bezeichnet, da die Seele und der Körper nicht getrennt voneinander bestehen können (Rapp 2001, S. 179) (anders als es bei bspw. Platons Seelenlehre der Fall ist, der einen „Leib-Seele-Dualismus“ (Rapp 2001, S. 180) formuliert).

„Aber wie die Pupille und die Sehkraft zusammen das Auge sind, so sind die Seele und der Körper zusammen das Lebewesen.“ (An. II 1, 413a2-4)

Ist dieses Auge, das nicht mehr sehen kann, tatsächlich kein Auge mehr?

Literaturverzeichnis

Aristoteles: De Anima, übersetzt von Willy Theiler (1959): ‘Aristoteles. Über die Seele’ in Aristoteles. Werke in deutscher Übersetzung. Grumach, Ernst (Hrsg.). Band 13. Berlin: Akademie Verlag, S. 5-70.

Beere, Jonathan (2011): ‘Form/Materie’ in Aristoteles Handbuch. Leben-Werk-Wirkung. Rapp, Christof u. Corcilius, Klaus (Hrsg.). Stuttgart: Verlag J.B. Metzler, S. 214-220. ,

Buchheim, Thomas (2015): ‘3.6 Die Seele als ‘vollendete Wirklichkeit’ in Aristoteles-Einführung in seine Philosophie. Freiburg: Verlag Karl Alber, S. 112-119.

Corcilius, Klaus (2011): ‘De anima‘ in Aristoteles Handbuch. Leben-Werk-Wirkung. Rapp, Christof u. Corcilius, Klaus (Hrsg.). Stuttgart: Verlag J.B. Metzler, S. 88-97.

Höffe, Otfried (2005): Aristoteles-Lexikon. Stuttgart: Alfred Kröner Verlag.

Rapp, Christof (2001): ‘Theorie der Seele’ in Aristoteles zur Einführung. Hamburg: Junius Verlag, S. 178-189.

Shields, Christopher (2011): ‘Seele’ in Aristoteles Handbuch. Leben-Werk-Wirkung. Rapp, Christof u. Corcilius, Klaus (Hrsg.). Stuttgart: Verlag J.B. Metzler, S. 313-323.

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