Person, Menschheit und Natur (Robert Spaemann)

1. Zur Geschichte des Personbegriffs nach Spaemann

In der griechischen Antike wurde mit „persona“ die Maske und die damit verbundene Rolle des Schauspielers im Theater bezeichnet.[1] Dieser Personbegriff sei später auf die Rolle in der Gesellschaft, den sozialen Status, übertragen worden. Zum Verhältnis von Person und Menschsein nach antikem Verständnis führt Spaemann aus, dass die menschliche Natur die Grundlage für die Trägerschaft des Personenstatus bildete.[2] Weiter betont Spaemann die Weiterentwicklung des Personbegriffs in der Trinitätslehre und Christologie.[3] In Jesus Christus treffen demnach göttliche und menschliche Natur in einer Person zusammen.[4] Besonders prägend war folgende Definition des Personbegriffs von Boethius: „P(erson) ist die individuelle Substanz einer rationalen Natur“ („p.a. est naturae rationabilis individua substantia“)[5].

2. Der Personbegriff in Abgrenzung zum Menschheitsbegriff und der menschlichen Natur

Nach Spaemann ist der Begriff „Person“ im Gegensatz zu der Kategorie „Mensch“ kein sortaler Ausdruck, der eine Identifikationsleistung beinhaltet.[6] Spaemann versteht das Menschsein als Zugehörigkeit zu einer biologischen Art, während das Personsein darüber hinausgehe.[7] Dennoch dürfe das Personsein nicht von den biologischen Gegebenheiten getrennt werden, da sich die Personalität in solchen Vollzügen manifestiere.[8] So schreibt Spaemann weiter: „Person ist kein Artbegriff, sondern die Weise, wie Individuen der Art „Mensch“ sind.“[9] Zur Abgrenzung führt Spaemann an: „ „Menschheit“ ist nicht, wie „Tierheit“, nur ein abstrakter Begriff zur Bezeichnung einer Gattung, sondern ist zugleich der Name einer konkreten Personengemeinschaft, der jemand nicht angehört aufgrund bestimmter faktisch feststellbarer Eigenschaften, sondern aufgrund des genealogischen Zusammenhangs mit der „Menschheitsfamilie“ “.[10] Für Spaemann gründet die personale Ausprägung sogar in der strukturellen Anlage der menschlichen Natur.[11] Dennoch sei der Mensch nicht auf seine Natur reduzierbar. Hierzu führt Spaemann aus: „Diese Fähigkeit folgt aus der Eigenart einer Person, sich zur eigenen Natur, zum eigenen Sosein in ein Verhältnis zu setzen, ein Verhältnis, das wir als „Haben“ bestimmt haben.“[12]

3. Menschsein impliziert Personalität: Alle Menschen sind Personen

Für Spaemann sind alle Menschen Personen. Dabei macht er in seiner Konzeption den Aspekt der gesellschaftlichen Anerkennung stark.[13] Spaemann will Anerkennung nicht konstitutiv, sondern als angemessene Reaktion auf den Anspruch, den jemand durch seine Existenz erhebt, verstanden wissen.[14] Die Anerkennung seitens der Gesellschaft dürfe nicht an Eigenschaften gebunden werden und ermögliche erst die Ausbildung bestimmter Fähigkeiten.[15] Buchheim / Noller weisen in diesem Zusammenhang auf den von Spaemann etablierten Grundsatz der Mitvertretung nicht zur Selbstvertretung fähiger Mitglieder im Filiationsverband hin.[16]

4. Grenzfälle von Personalität

Als typischen Grenzfall für die Frage nach dem Personenstatuts nennt Spaemann debile Menschen. Diese forderten uns heraus sie in der Achtung ihres Soseins, das gerade nicht an bestimmte Eigenschaften geknüpft wird, als Personen zu respektieren.[17]                        Ein weiterer Grenzfall ist der Status kleiner Kinder. Diesen schreibt Spaemann ausdrücklich von Anfang an Personsein zu und entfaltet in diesem Kontext seine Unterscheidung zwischen „etwas“ und „jemand“ weiter, wenn er schreibt: „Aber es kann sich nicht etwas zur Person entwickeln. Aus etwas wird nicht jemand. Wenn Personalität ein Zustand wäre, könnte sie allmählich entstehen. Wenn aber Person jemand ist, der sich in Zuständen befindet, dann geht sie diesen Zuständen immer schon voraus. (…) Sie beginnt nicht später als der Mensch zu existieren und hört nicht früher auf. (…) Da Personen nicht in ihre jeweils aktuellen Zustände versenkt sind, können sie ihre eigene Entwicklung als Entwicklung und sich selbst als deren zeitübergreifende Einheit verstehen. Diese Einheit ist die Person.“[18] An diesen Beispielen zeigt sich die normativ-ethische Dimension von Spaemanns Personbegriff.

5. Personsein unabhängig vom Menschsein: Nicht alle Personen sind Menschen

Spaemann gesteht auch anderen Lebewesen als Menschen unter bestimmten Bedingungen Personalität zu: „Und wenn sich andere natürliche Arten im Universum finden sollten, die lebendig sind, eine empfindende Innerlichkeit besitzen und deren erwachsene Exemplare häufig über Rationalität oder Selbstbewusstsein verfügen, dann müssten wir nicht nur diese, sondern alle Exemplare dieser Art ebenfalls als Personen anerkennen“[19].

Grafische Veranschaulichung

Autorin: Simone Kegel

 

[1] Vgl. Spaemann, Robert: Personen. Versuche über den Unterschied zwischen „etwas“ und „jemand“, Stuttgart 1996, S. 31.

[2] Vgl. ebd., S. 32.

[3] Vgl. ebd., S. 36.

[4] Vgl. ebd., S. 46.

[5] Fuhrmann, Manfred: Person. I. Von der Antike bis zum Mittelalter, in: Ritter, Joachim (Hrsg.): Historisches Wörterbuch der Philosophie, Band 7, Darmstadt 1989, S. 280.

[6] Vgl. Spaemann: Personen, S. 14f.

[7] Vgl. ebd., S. 19.

[8] Vgl. ebd., S. 255.

[9] Ebd., S. 263.

[10] Ebd., S. 256.

[11] Vgl. ebd., S. 260.

[12] Ebd., S. 212.

[13] Vgl. Spaemann: Personen, S. 252.

[14] Vgl. ebd..

[15] Vgl. ebd., S. 256.

[16] Vgl. Buchheim, Thomas / Noller, Jörg: Sind wirklich und, wenn ja, warum sind alle Menschen Personen? Zu Robert Spaemanns philosophischer Bestimmung der Person, in: Kreiml, Josef / Stickelbroeck, Michael (Hrsg.): Die Person- ihr Selbstsein und ihr Handeln. Zur Philosophie Robert Spaemanns, Regensburg 2016, S. 173.

[17] Vgl. Spaemann: Personen, S. 261.

[18] Ebd..

[19] Ebd., S. 264.

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2 Kommentare zu Person, Menschheit und Natur (Robert Spaemann)

  1. Hans-Christian Feichtner sagt:

    Ein bisher wirklich gelungener Beitrag. Ich weiß nicht ob es sich bei dem Folgenden um einen hilfreichen Tipp handelt, aber beim Lesen deines Beitrags kam mir die Idee, dass ein Mengendiagramm, das den Zusammenhang zwischen Person, Mensch und Natur darstellt, vielleicht hilfreich sein könnte.

  2. Mathias Koch sagt:

    Sehr zu loben sind vor allem die genauen Quellenangaben! 5 Sterne von mir!

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