Ethik, Normativität und Leben (Jonas)

1. Der Begriff des Leben bei Hans Jonas

Hans Jonas beschreibt Leben über den Stoffwechsel: „Leben heißt stoffliches Leben, also lebender Körper, kurz, organisches Sein“[1]. Für Jonas stellt der Stoffwechsel die Grundlage organischer Existenz dar und kann deshalb zur Charakterisierung von Leben verwendet werden.[2] Somit trennt Jonas zwischen Lebendigem und nicht Lebendigem, beziehungsweise belebter und unbelebter Natur[3], nach dem Organischen. Lebendig sind Organismen, nicht lebendig ist bloßes Sein und damit bloße Materie im Raum.[4] Die Vielfältigkeit des Lebens lässt sich jedoch weiter kategorisieren und einer Rangordnung von primitiv bis entwickelt zuteilen.[5]

Jonas unterstellt seiner Theorie des Lebens keinen Dualismus von Geist und Materie.[6] Er geht davon aus, dass der Geist stetig Teil des Organischen bleibt.[7] Hieraus ergibt sich für Jonas auch das zentrale Kriterium für Leben – Freiheit. Bereits im Stoffwechsel erkennt er Ansätze von Freiheit[8], denn dieser zeichnet das Lebende als autonomes, selbstbezügliches System aus. Es kann sich selbst erhalten und ist in dem Maße frei.[9] Ziel des Systems ist der Selbsterhalt – der „Prozess ständigen Werdens“[10].

In Jonas’ Theorie über das Leben ist dieses auch verknüpft mit Sterblichkeit.[11] Leben ist, trotz seines grundsätzlichen Widerspruchs mit Sterblichkeit, mit dieser verbunden, da etwas nur sterblich ist, weil es lebendig ist.[12]

2. Normativität des Lebens

Verhältnis Sein – Sollen (Sein-Sollen Dichotomie); schützenswertes Leben; normativer Wert

Noch in Bearbeitung. Anregungen erwünscht!

3. Gedanke einer Zukunftsethik

Jonas betrachtet Leben besonders in Bezug auf den zunehmenden technischen Fortschritt. Die Technik ist in der Moderne vielfältiger und fortgeschrittener als früher, daraus ergibt sich für Jonas die Frage, welchen Einfluss dies auf unser Handeln ausübt. Mensch und Technik wachsen zusammen, dies zeigt sich allgemein bereits in der Allgegenwärtigkeit technischer Mittel im menschlichen Alltag, aber wortwörtlich in beispielsweise der künstlichen Befruchtung oder der Möglichkeit künstlicher Prothesen. Menschliches Leben ist ohne Technik kaum noch vorzustellen, dadurch üben wir auch einen stärkeren Einfluss auf unsere natürliche Umwelt aus als früher. Zusätzlich ist unser Handeln nicht mehr zeitlich und räumlich begrenzt und zieht damit weitreichendere Folgen nach sich als früher. Die Auswirkungen unserer Taten sind, im Vergleich zu früher, schwieriger zu kalkulieren. Diese Unwissenheit über zukünftige Folgen müssen berücksichtigt werden. Jonas schlussfolgert daraus, dass sich unser Verantwortungsbereich auch auf unsere Umwelt ausdehnen muss, denn diese stellt die grundlegende Voraussetzung für Leben dar. Das Bestehen der Menschheit stellt die erste Prämisse für moralisches beziehungsweise ethisches Handeln dar, somit ist ein Erhalt der physischen Welt grundlegende Bedingung. Für diesen Erhalt sind jedoch Opfer zu bringen: „Das Opfer der Zukunft für die Gegenwart ist logisch nicht angreifbarer als das Opfer der Gegenwart für die Zukunft. Der Unterschied ist nur, daß im einen Fall die Reihe weitergeht, im anderen nicht“[13] Das Zitat zeigt, dass nach Jonas nur durch veränderte Verhaltensweisen in der Gegenwart ein Fortbestehen menschlichen Lebens möglich ist.

Weitere Aspekte, die zu Jonas’ Ansatz einer Zukunftsethik führen, sind die Schwierigkeiten und Herausforderungen, die sich im menschlichen Umgang mit der fortschreitenden Technologisierung ergeben. Für das menschliche Zusammenleben und den Erhalt der Natur werden neue ethische Aspekte relevant. Dies leitet Jonas zu der Erkenntnis, dass für die technologisierte Moderne eine Zukunftsethik zu diskutieren ist. Sein Verständnis von Ethik wird demnach durch das Prinzip der Verantwortung bestimmt.[14] Ethik darf nicht mehr nur begrenzt sein auf Mensch-Mensch Beziehungen, sondern muss jegliches Leben und Sein begreifen. Bereits bestehende Ethiken werden damit nicht hinfällig, sie müssen lediglich ergänzt werden. Ein möglicher ethischer Handlungsimperativ für zukunftsgerichtetes Handeln könnte demnach lauten: „Gefährde nicht die Bedingungen für den indefiniten Fortbestand der Menschheit auf Erden“[15]

Primärliteratur:

  • Jonas, Hans: Organismus und Freiheit – Ansätze zu einer philosophischen Biologie. Göttingen
  • Jonas, Hans: Das Prinzip Verantwortung – Versuch einer Ethik für die technologische Zivilisation. Frankfurt am Main 1979.
  • Rothaar, Markus/ Hähnel, Martin (Hrsg.): Normativität des Lebens – Normativität der Vernunft?. Berlin/Boston 2015.
  • Schockenhoff, Eberhard: Ethik des Lebens. Mainz 1993.
  • Schockenhoff, Eberhard: Ethik des Lebens. Freiburg im Breisgau 2009.

Sekundärliteratur

  • Böhler, Dietrich/ Brune, Jens Peter (Hrsg.): Orientierung und Verantwortung – Begegnungen und Auseinandersetzungen mit Hans Jonas. Würzburg 2004.
  • Müller, Wolfgang Erich: Hans Jonas – Philosophie der Verantwortung. Darmstadt 2008.
  • Song, Ahn-Jung: Organismustheorie im ethischen Diskurs – Eine Untersuchung zur Philosophie des Lebens bei Hans Jonas. Münster 2000.
  • Wetz, Franz Josef: Hans Jonas zur Einführung. Hamburg 1994.

[1] Jonas, Hans  1973: S. 41.

[2] Vgl. ebd.: S. 13.

[3] Vgl. ebd.: S. 14.

[4] Vgl. ebd.: S. 24.

[5] Vgl. ebd.: S. 12.

[6] Vgl. Wetz 1994: S. 69f.

[7] Vgl. Jonas 1973: S. 11.

[8] Vgl. Jonas 1973: S. 13f; Song 2000:  S. 117ff.

[9] Vgl. Müller 2008: S. 75.

[10] Vgl. ebd.: S. 76.

[11] Vgl. Jonas 1973: S. 16.

[12] Vgl. ebd.: S. 16.

[13] Jonas 1979: S. 35.

[14] Vgl. ebd.: S. 9.

[15] Jonas 1979: S. 36.

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Ein Kommentar zu Ethik, Normativität und Leben (Jonas)

  1. Jörg Noller sagt:

    Eine interessante Stelle zum Verhältnis von Leben und Normativität findet sich im Vierten Kapitel von “Das Prinzip Verantwortung” mit dem Titel “Das Gute, das Sollen und das Sein”. Besonders interessant ist hierbei die Passage 153-161, wo es um das Verhältnis von Zweck und Wert des Lebens geht.

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