Protokoll zur Sitzung vom 23.05.2015: Hegels Begriff des Lebens

1. Definitorische Problematisierung des Lebensbegriffs (vgl. Toepfer [2005])
2. Grundlegendes zu Hegels absolut-idealistischem Ansatz
3. Hegels Lebensbegriff
4. Hegels und Kants Konzeptionen im Vergleich
5. Kritische Punkte
6. Zugrunde liegende Literatur

1. Definitorische Problematisierung des Lebensbegriffs (vgl. Toepfer [2005])

Den Begriff des Lebens im Allgemeinen definitorisch einzugrenzen, erscheint bei erster Auseinandersetzung zunächst insofern problematisch, als er in vielerlei Hinsicht – ob wissenschaftlich oder alltagssprachlich – rezipiert wird und ihm daher eine Vagheit anhaftet, die die Forderung einer präziseren Bestimmung nach sich zieht. Aufgrund seiner Normativität ist er den Wissenschaften oft nicht zugänglich oder wird beispielsweise von der Biologie aus einem allgemeinsprachlichen Vorverständnis übernommen bzw. vorausgesetzt. Ferner hat eine Biologie betreibende Person, insofern sie biologisch denkt, einen anderen Lebensbegriff als etwa ein Soziologie betreibender Mensch, insofern er soziologisch denkt.
Ein zentrales Merkmal des „Lebens“ als Grundbegriff der Philosophie in Anlehnung an Georg Toepfer ist seine Integrationsleistung, die er in vielen Disziplinen aufweist. So sind wir es als Menschen je selbst, die lebend sich und ihre Umwelt begreifen wollen und damit nicht außerhalb dieses Begriffes stehen, sondern selbst eine Art Angelpunkt bilden, von dem aus nicht nur biologische, sondern auch etwa erkenntnistheoretische oder anthropologische Fragestellungen integrativer Bestandteil der Untersuchung des Konzeptes „Leben“ sein müssen.
Aufgabe der Philosophie ist des, das herkömmliche Vorverständnis von Seiten der Natur- wie Humanwissenschaften zu problematisieren und einen umfassenden, einheitlichen Begriff zu bilden. Der Philosophie kommt es daher zu, den häufig unreflektiert vorausgesetzten Begriff des Lebens weiter zu bestimmen.
Toepfer macht einen definitorisch transdisziplinär funktionierenden Vorschlag, der das Leben als „Seinsweise von (Natur-)Gegenständen, die sich durch Organisation, Regulation und Evolution auszeichnet“ (Toepfer [2005]: 169) zu bestimmen versucht. Demgemäß kennzeichnet sich das Lebendige durch inhärente, gliederbare Prozesse, die in ihrer Wechselseitigkeit aufeinander einwirken und dem höheren Ziel der Selbsterhaltung dienlich sind, indem sie sich auf eine zirkuläre Auf- und Abnahmeprozedur mit der Umwelt ausrichten, sowie durch eine Zirkularität höherer Stufe, nämlich einer allgemeineren Arterhaltung und -weiterbildung hin zu einer komplexeren, entwickelteren Lebensform „in einem langfristigen, generationenübergreifenden Prozess.“ (Toepfer 2005: 169f.)
Trotz dieses allgemein gehaltenen definitorischen Ansatzes sei festgehalten, dass die Vagheit des Lebensbegriff und seine sukzessive Wandlung eine Notwendigkeit wiederholter Abgrenzung, Justierung und Kritik mit sich bringt.

2. Grundlegendes zu Hegels absolut-idealistischem Ansatz

Hegels Philosophie findet einen zentralen Ausgangspunkt im Denken Kants und vor allem in seiner Annahme der Antinomien der theoretischen Vernunft. Diese sind unauflösliche von der Vernunft generierte Widersprüche (vgl. die „Transzendentale Dialektik“, KrV, B 349 ff.). Grob gesagt, transferiert Hegel die sich auftuenden Antinomien aus ihrem transzendentalen Raum in die von uns vorgefundene Wirklichkeit, die sich in einem logischen, dialektischen Prozess entfalten; die Idee selbst ist es, was konkret ist und nicht abstrakt – entgegen dem alltäglichen Verständnis von Ideen als Vorstellungen oder Konstruktionen. Unter „Logik“ versteht Hegel nicht etwa die formale Logik, wie sie heute u.a. in der analytischen Philosophie Verwendung findet, sondern vielmehr die Ontologie selbst; die Logik ist es, der gemäß sich die Welt als ontologische Entität entfaltet. Für ihn ist die Welt in ihren Ausformungen selbst widersprüchlich, und die Widersprüche erben sich bei Entwicklungen fort. In diesem Kontext häufig rezipiert wird der Ausdruck des „Aufhebens“ in dreierlei Hinsicht: So wird der Widerspruch auf dritter dialektischer Stufe im Sinne eine Auflösung aufgehoben, gleichzeitig im Sinne eines Aufbewahrens und Emporhebens auf die nächst höhere Stufe vererbt. Die drei Stufen der dialektischen Entfaltung benennt Hegel selbst mit den Begriffen „an sich“, „für sich“ und „an und für sich“. Die erste Form, der Gegenstand an sich, ist die unmittelbar gegebene, in sich noch unreflektierte Form. Diese wandelt sich mittels der bestimmten Negation in ihr Gegenteil, gelangt dabei zur Stufe des Für-sich-seienden, das in sich reflektiert ist, womit die anfängliche Unmittelbarkeit nun vermittelt wird. Im dritten Schritt erkennt sich der Begriff als abhängig von der Voraussetzung des ersten Schrittes, gleichzeitig selbst als Voraussetzender desselben. Hier ist die vermittelte Unmittelbarkeit wieder ein unmittelbares An-sich, nur auf einer höheren, reichhaltigeren Stufe. Was konkret dieser Begriff ist, lässt sich pauschal nicht sagen, da dieses Entfaltungsschema im hegelschen Denken sich auf die gesamte Entfaltung der Wirklichkeit als begrifflicher Prozess versteht. Es ist wichtig, dabei festzuhalten, dass Hegel betont, dass die einzelnen Entfaltungen nur in Hinblick auf das Ganze betrachten respektive verstanden werden  können. Hier, wie in Abschnitt 5 noch einmal explizit gemacht, stellt sich bereits die Problematik ein, Gefahr zu laufen, Hegels Lebenskonzept nicht hinreichend verstehen zu können, wenn man seine gesamte Nachzeichnung der begrifflichen Entfaltung von „Welt“ noch nicht durchdrungen hat.

3. Hegels Lebensbegriff

Der Begriff des Lebens innerhalb des hegelschen Systems ist verortet im dritten Teil der „Wissenschaft der Logik“, der „Subjektiven Logik“ oder der „Lehre vom Begriff“, die ihrerseits dialektisches Resultat der vorangehenden Kapitel „Seinslogik“ und „Wesenslogik“ ist. Behandelt Hegel im ersten Abschnitt der „Subjektiven Logik“ die Subjektivität an sich, die sich durch den Begriff als solchen, durch Urteile und durch Schlüsse kennzeichnet, folgt im zweiten Abschnitt das durch bestimmte Negation erreichte Für-sich, die Objektivität, die selbst wieder zergliedert ist in die Unterpunkte Mechanismus, Chemismus und Teleologie und sich damit die Welt, insofern sie unser empirisches Objekt ist, zum Gegenstand macht. Die Idee als Identität von Subjektivität und Objektivität ist das Resultat, das An-und-für-sich-seiende, das auf einer Ebene der Unmittelbarkeit zunächst das Leben selbst ist, die Einheit von Seele und Körper, anders ausgedrückt: das Subjekt an sich – wir, wie wir uns unmittelbar als lebendige Individuen vorfinden. Negiert sich diese Stufe der Individualität, erlangt sie im Für-sich-sein das Level des Lebensprozesses selbst. Kehrt die Negation aufgehoben auf die neue Ebene der Unmittelbarkeit zurück, wird das Individuum im Kontext des Lebensprozesses gesehen und als einer Gattung zugehörig verstanden.
Der Lebensbegriff als Ganzes bildet aber nur den ersten Teil der Idee als drittem Abschnitt der „Subjektiven Logik“. Er schlägt nach seiner begrifflichen Entfaltung um in die „Idee des Erkennens“, in dem sich das Subjekt einer objektiven Welt entgegenzustellen sucht. Erst im dritten und letzten Schritt dieser Entfaltung erlangt die Idee die Ebene des Absoluten, wird zur „absoluten Idee“, in der sich das Subjekt mit dem Objekt identisch weiß. Verstanden werden kann die absolute Idee als eine Art absolutes Wissen der Weltentfaltung mit all ihren Ausformungen, Verzweigungen und dialektischen Überwindungen, als eine zusammenhängende „Durchdrungenheit“ von Geist, die sich gleichsam in der Praxis manifestiert.
Der hegelsche Lebensbegriff ist – wie alle Begriffe in seinem System – also ein dynamischer, organisierter und gehaltvoller, der für Hegel an seiner jeweiligen Stelle notwendigerweise auftaucht. Eine formale, durch „leere, tote Gedankenformen“ (VI, 469) gekennzeichnete Logik ist für Hegel nicht im Stande, den Lebensbegriff vollständig zu erfassen, wenn sogar überhaupt zu denken.

4. Hegels und Kants Konzeptionen im Vergleich

Für Kant ist die Natur ein Objektives, das sich durch seine geschlossene Kausalität auszeichnet, obgleich gemäß seines erkenntnistheoretischen Ansatzes die Welt an sich für uns nicht erkennbar ist, sondern lediglich im Rahmen der reinen Anschauungsformen „Raum“ und „Zeit“ und durch die reinen Verstandeskategorien – Begriffe, die unserem Erkenntnisvermögen a priori gegeben sind –an uns herangetragen wird. Wichtig ist dabei, dass nicht nur Anschauung durch die apriorischen Werkzeuge „gefiltert“ wird, sondern ebenso Gedanken oder – wenn man so will – wissenschaftliche Theorien sich auf empirische Data beziehen müssen. Sätze, die kein empirischen Bezug haben, können nach Kant daher nicht wissenschaftlich sein, weshalb metaphysische Konzepte wie Ideen im Diskurs keine konstitutive Relevanz haben, sondern lediglich einen regulativen Charakter. Kant macht die drei Erkenntnisvermögen Verstand, Urteilskraft und Vernunft aus. Während Verstand und Vernunft als apriorische Prinzipien Gesetzmäßigkeit und Endzweck zugrunde liegen, ist das Prinzip der subsumierenden Urteilskraft als Vermittlerin zwischen Verstand und Vernunft die Zweckmäßigkeit, die sich in einer teleologisch, also zweckdeterminiert, erscheinenden Natur wiederfindet. Hierin liegt das regulative Element, das uns uns verhalten lässt, als ob die Natur von einer lückenlosen Determination durchzogen wäre, um – wie auf anderer Seite bei Annahme einer Indetermination – Anthropomorphismen zu vermeiden.
Während der Lebensbegriff bei Kant an die (reflektierende) Urteilskraft als Subjektsvermögen gebunden ist und daher epistemologisch, fußt Hegels Konzeption des Lebens auf seiner Logik, die ja ihrerseits wiederum ontologisch zu fassen ist. Ist der Begriff des Lebens bei Kant nur ein regulativer, nicht zu den Verstandeskategorien gehöriger, so ist das Leben in Hegels idealistischer Position ein notwendiges Moment im Entfaltungsprozess der Wirklichkeit. Betrachtet man den Lebensbegriff in seinem unmittelbaren Kontext innerhalb Hegels System, fällt auf, dass seine Idee die Mündung ist, in der die Teleologie als An-und-für-sich der vorhergehenden Trias resultiert.
Während also diese Idee bei Kant aufgrund ihres nicht-konstitutiven Charakters als regulatives Prinzip innerhalb des Als-ob der teleologischen Weltbetrachtung gesehen wird, ist das Leben in der Hegelschen Philosophie ein substantieller, notwendiger Bestandteil in der Entfaltung von Wirklichkeit nach den Prinzipien einer evolutiv-systematischen Logik.

5. Kritische Punkte

Im Kontext der Einbettung des Lebensbegriffs in Hegels „Wissenschaft der Logik“ stellt sich als problematisch heraus, dass er prozessual gerichtet ist auf die absolute Erkenntnis in Form der absoluten Idee. Erscheint es intuitiv zutreffend, dass das Leben etwas dynamisches ist, so ist es umso schwieriger, nachzuvollziehen, wie eine absolute Erkenntnis begriffen werden soll. Hegel bezieht sich hierbei nämlich nicht auf konkretes Faktenwissen von uns und unserer Umgebung, mit dem jede Einzelheit der Welt erklärt werden soll, sondern auf eine allgemeine, alles umfassende „Durchdrungenheit“, die sich auf dieser Stufe einstellen soll. Was nützt es, in einer Welt unterzugehen, weil ich als von Natur aus bei Geburt schwaches Wesen von ihren natürlichen Strukturen vernichtet werden würde? Denn in der Tat ist der Mensch auf das Erlangen von Faktenwissen zugunsten der Erschaffung einer ihn umsorgenden Sphäre angewiesen. Ferner stellt sich die Frage, wie es weitergeht mit uns als erkennenden Subjekten, wenn wir zur absoluten Erkenntnis gelangt sind. Besteht die Möglichkeit weiterhin, Freude an Dingen zu haben, auch wenn sie endgültig entmystifiziert sind bzw. teleologisch in den absoluten Geist gemündet sind? Hier spaltet sich die Anhängerschaft Hegels in die Gruppe der Rechts- und die der Linkshegelianer. Während jene ein Erreichen der absoluten Idee, etwa in Form des preußischen Staates für möglich erachteten, richteten sich diese kritisch gegen eine Vereinnahmung durch realpolitische Gegebenheiten.
In diesem Zusammenhang stellt sich in einem übergeordneten Rahmen die Frage, wie die logisch-begriffliche Entfaltung Hegels in Zusammenhang steht mit der realgeschichtlichen Entwicklung. So erscheint es ebenso nicht nur kontraintuitiv, dass das begriffliche Schließen im Prozess dem Leben selbst vorangeht. Es widerspricht sogar dem gängigen wissenschaftlichen Nachvollzug der Evolution: Der Mensch als ein reflektierendes und zu geistiger Arbeit fähiges Wesen nimmt in der Zeitlinie des Lebens auf der Erde nur einen Bruchteil ein. Wie lassen sich also spekulative Philosophie mit Realphilosophie synchronisieren?
Hegels absolut-idealistischer Ansatz bildet eine dynamische, kontextualisierte und begrifflich-determinierte Idee vom Leben aus, lässt jedoch – nicht zuletzt aufgrund der Größe und Komplexität seines Systems – viele kritische Fragen offen.

6. Zugrunde liegende Literatur

Hegel, Georg Wilhelm Friedrich: „Enzyklopädie der Philosophischen Wissenschaften“, in: Theorie-Werkausgabe, Bd. 8, hg. v. Eva Moldenhauer u. Karl Markus Michel, Frankfurt/M. 1986.

Kant, Immanuel: „Kritik der reinen Vernunft“, in: Akademie-Ausgabe, Bd. III, hrsg. v. der Preußischen Akademie der Wissenschaften, Berlin 1900 ff.

Toepfer, Georg: „Der Begriff des Lebens“, in: Philosophie der Biologie. Eine Einführung, hg. v. Ulrich Krohs und Georg Toepfer, Frankfurt am Main 2005.

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Ein Kommentar zu Protokoll zur Sitzung vom 23.05.2015: Hegels Begriff des Lebens

  1. Jörg Noller sagt:

    Interessant wäre auch noch ein kurzer Vergleich mit Aristoteles’ Formbegriff. Inwiefern versteht Hegel außerdem das Leben freiheitstheoretisch?

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