Protokoll zur Sitzung vom 20.6.2016: Michael Thompsons Begriff der Lebensform

Autorinnen: Sandra Unterreiner, Isabella Wächter

1. 1. Das Verhältnis von Thompsons Theorie zu Jonas und Aristoteles
2. Thompsons Bestimmung der „Form“ des Lebens im Unterschied zu Jonas
3. Zusammenhang von Handlung, Form und Leben
3.1 Natur-historisches Urteil
3.2 Normativität
3.3 Begriff der Lebensform
3.4 Aktivität als affirmatives Element
4. Literatur

1. Das Verhältnis von Thompsons Theorie zu Jonas und Aristoteles

Der angelsächsische Philosoph Michael Thompson beschreibt in seinem Werk Life and Action (2008) und in seinem Aufsatz Apprehending Human Form (2005) eine analytische, sprachphilosophische Theorie des Lebens. Seine Philosophie des Lebens ist orientiert an der sogenannten Pittsburgher Schule, welche in der Tradition Hegels und Aristoteles steht.

Als Anhänger der Pittsburgher Schule finden sich in Thompsons Theorie einige Anknüpfungspunkte zu Aristoteles Theorie des Lebens, besonders zu seinem Form- und Seelenbegriff. Dabei verortet sich seine Theorie des Lebens, im Vergleich mit den bisherigen Theorien, jenseits einer phänomenologischen Sichtweise. Im Gegensatz zu Hans Jonas beispielsweise, dessen Perspektive eher phänomenologisch ist, geht Thompson von einem transzendentalen Lebensbegriff aus, untersucht also die Bedingungen der Möglichkeit von sinnvoller Rede über das Leben, ebenso wie dessen Einheitsfunktion. Thompson vertritt die These, dass Leben vor allem in der Form der Dinge zu erkennen ist, was ihn in eine gewisse Nähe zu Aristoteles und Hegel bringt.

2. Thompsons Bestimmung der „Form“ des Lebens im Unterschied zu Jonas

In der Art der Bestimmung der „Form“ des Lebens wird jedoch ein abgrenzendes Element zu Hans Jonas deutlich. Anstatt empirisch bestimmt Thompson die „Form“ des Lebens apriorisch, analytisch und sprachphilosophisch. Für ihn sind soziale Praktiken nicht nur empirisch bzw. stellen kein willkürliches Verhalten dar, sondern sind organisiert, haben Form sowie Regeln und Strukturen.[4] Eben diese wiederum können wir apriorisch identifizieren, d.h. durch analytische Vorgehensweise. Wie wir darüber sprechen können, ist für Thompson damit gleichzusetzen, wie wir sie erkennen können. Dies veranschaulicht seinen sprachphilosophischen Ansatz. Lebensform, die entstehende Handlung, Wollen, Intentionen usw. gelten alle als soziale Praktiken, welche als Formkonzepte verstanden werden können.[5]

Diese apriorisch analytische Vorgehensweise wird auch deutlich, wenn es um Urteile über Formen oder die Bedingung der Möglichkeit von Kategorisierungen geht. Wie bereits erwähnt versteht Thompson Lebenskategorien nicht primär als empirisch erfassbar, sondern als logische Kategorien, die in sich einen apriorischen Wert tragen. Wie Thompson sich Urteile über Formen vorstellt und wie für ihn Begriff und Wirklichkeit zusammenhängen, wird vor allem dann erkennbar, wenn er über seine Theorie des natur-historischen Urteils spricht.

3. Zusammenhang von Handlung, Form und Leben

3.1 Natur-historisches Urteil

Ein natur-historisches Urteil stellt eine besondere Form eines Urteils dar. Dabei ist die prädikative Aussage über das Subjekt nicht nur deskriptiv, sondern sie steht in einem reziproken Verhältnis zu diesem. Ein Beispiel für ein natur-historisches Urteil wäre zum Beispiel folgende Aussage: „Die Eule sucht am Abend ihre Beute.“ Was die prädikative Aussage „sucht am Abend ihre Beute“ hier beschreibt, gehört gewissermaßen zum Wesen des Subjekts, fügt also nichts Neues hinzu. Es ist eine Aussage über die Lebensform der Eule und damit ist keine Eule als konkret existierendes Individuum gemeint, sondern vielmehr die Spezies der Eulen im Allgemeinen. Ein besonderes Merkmal hierbei ist auch, dass die prädikative Aussage den Bereich der Menge aller Eulen nicht einschränkt. In dem Beispiel ist nicht die Rede über eine Teilmenge aller Eulen (wie beispielsweise „Die Eule wird im Tierpark abends gefüttert“), sondern im Normalfall trifft die prädikative Aussage aus dem Beispiel oben auf alle Eulen zu.[6] Eine weitere Besonderheit bei einem natur-historischen Urteil besteht darin, dass es nicht lediglich die Gründe ausdrückt, die dafür sprechen, etwas unter einen Begriff fallen zu lassen. Das Subjekt unseres Beispiels fällt durch die prädikative Aussage nicht nur unter den Begriff oder die Kategorie der Eulen. Jede Eule dieser Welt trägt gewissermaßen aktiv dazu bei, dass sie zu eben dieser Kategorie gehört, dass sie unter den Begriff der „Eule“ fällt. Eine konkrete Eule als individuelles Wesen dieser Welt praktiziert und exemplfiziert ihre Zugehörigkeit zu einer bestimmten Spezies.

3.2 Normativität

Dadurch entsteht auch eine normative Dimension, da der Satz impliziert, was eine Eule „normalerweise“ tut bzw. tun sollte. Man kann gewissermaßen sagen, dass eine normale Eule “gewöhnlich” am Abend ihre Beute sucht, dass sie am Abend ihre Beute zu suchen hat. Die normative Ebene manifestiert sich also darin, dass eine Bewertung von gut oder schlecht mitschwingt. Es wird das beschrieben, was für eine Spezies normal ist, was also ein konkretes Individuum dieser Spezies tun sollte oder wie es beschaffen sein sollte, um seine Zugehörigkeit auf gute Weise zu praktizieren.[7] Auch dieses normative Element erinnert stark an Platon und Aristoteles, die von einem ergon, einer wesentlichen qualitativen Beschaffenheit und “Tugend” (areté) eines Gegenstandes oder einer Spezies sprechen, wenn sie diese spezifische Funktion besonders gut bzw. vortrefflich ausführt (vgl. Platon, Politeia [352e], Aristoteles, Nikomachische Ethik. Einerseits muss man sagen, dass mit dieser Normativität der Sprache über Begriffe die Gefahr des Essentialismus einhergeht. Das heißt Schlüsse der Art, dass eine „schlechte“ Eule nicht leben darf, liegen unter Umständen nahe. Andererseits zielt Thompson allein auf die epistemische Ebene ab. Sein Ziel ist es lediglich auszumachen, wie man etwas als etwas erkennen kann und wie eine Lebensform mit dem Leben selbst zusammenhängt. Ihm geht es nicht um die praktischen Konsequenzen des normativen Ansatzes.

3.3 Begriff der Lebensform

Wie hängen nun eine Lebensform und das Leben selbst zusammen? Für Thompson sind die beiden Entitäten untrennbar miteinander verbunden. In seinen Augen gibt es kein Leben ohne eine Lebensform. Denn eine Lebensform stellt nichts anderes dar, als einen Rahmen für die Interpretation der Vorgänge in einem individuellen Organismus. Eine Lebensform „is like a language that physical matter can speak[8]. Erst durch Urteile über die Lebensform ordnen wir den Teilen und Prozessen eines individuellen Organismus einen Sinn, eine Bedeutung, eine raum-zeitliche Position zu. Somit könnte man sich eine Lebensform wie einen Magnetpol vorstellen, an dem sich alles ausrichtet und strukturiert und das quasi mit Notwendigkeit. Auch hier wird wieder die Apriorität der Kategorien und Begriffe deutlich, von der Thompson ausgeht. Würden diese erst nachträglich, also a posteriori, den Dingen und Vorgängen zugeschrieben werden, könnte man nicht erklären, wieso der Lebensform und der Sprache von den Dingen in der Thompsonschen Theorie eine so hohe ordnende und sinnstiftende Bedeutung zukommt.[9]

Eine wichtige Unterscheidung, welche Thompson darüber hinaus noch trifft, als er von der spezifischen menschlichen Lebensform spricht, ist die eines biologischen gegenüber eines biografischen Konzepts. Das substantielle Wissen über die menschliche Lebensform, das Menschen in der Regel besitzen, wird nicht empirisch, das heißt durch Beobachtung erworben. Es ist also kein „biologisches“ Wissen bzw. die Lebensform kein biologisches Konzept. Vielmehr handelt es sich dabei um ein reines, apriorisches und biografisches, vielleicht sogar logisches Konzept.[10]

3.4 Aktivität als affirmatives Element

Zum Verständnis der Lebensform als eines biografischen Konzeptes gehört andererseits die Aktivität, das dynamische Element, das bereits angesprochen wurde. Ich als konkretes Individuum in der Welt falle nicht nur unter die Kategorie bzw. den Begriff Mensch. Ich bestätige aktiv meine Zugehörigkeit zu dieser Kategorie, indem ich mich spezifisch menschlich verhalte. Durch alles was ich tue, denke, sage oder wünsche bestätige ich immer wieder aufs Neue diese Zugehörigkeit, exemplifiziere gewissermaßen was ich bin und als was ich wahrgenommen werde. Somit wird auch das Verhältnis zwischen einem individuellen Organismus und einer Lebensform offenbar: Der einzelne, konkrete Organismus exemplifiziert in sich selbst schon das Allgemeine, zu dem er gehört (Apriorität). Seine Zugehörigkeit zum Allgemeinen ist nicht beliebig, sondern affirmativ. Er performiert sozusagen das “individuelle Allgemeine”.[11]

[1] Michael Thompson, Life and Action. Elementary Structures of Practice and Practical Thought (Cambridge: Harvard University Press, 2008), vgl. S. 48.

[2] Thompson, Life and Action, vgl. S. 2.

[3] Hans Jonas, Organismus und Freiheit. Ansätze zu einer philosophischen Biologie (Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 1973), vgl. S. 564.

[4] Thompson, Life and Action, vgl. S. 6.

[5] Thompson, Life and Action, vgl. S. 11.

[6] Thompson, Life and Action, vgl. S. 74.

[7] Thompson, Life and Action, vgl. S. 201f., 207.

[8] Michael Thompson, „Apprehending Human Form“, in Modern Moral Philosophy, ed. Antony O’Hear (Cambridge: Cambridge University Press, 2005), S. 54.

[9] Thompson, „Apprehending Human Form“, vgl. S. 54.

[10] Thompson, „Apprehending Human Form“, vgl. S. 57f, 67.

[11] Thompson, „Apprehending Human Form“, vgl. S. 57f., 65.

4. Literatur

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Ein Kommentar zu Protokoll zur Sitzung vom 20.6.2016: Michael Thompsons Begriff der Lebensform

  1. Jörg Noller sagt:

    Eine mögliche Anschlussfrage wäre, inwieweit Thompson den Begriff des Organismus in den der Lebensfrom transformiert. Denn auch der Organismus ist ja nach Aristoteles durch die Seele formhaft strukturiert.

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