Protokoll zur Sitzung vom 13.6.2016: Hans Jonas’ Begriff des Organismus

1. Die Identität von Substanz und Organismus
2. Die Bedeutung der Form bei Organismen
3. Zeitlichkeit
4. Freiheit
5. Der Zusammenhang von Freiheit und Zeitlichkeit
6. Literatur

Autorinnen: Viktoria Blass, Nastasia Filimonow

1. Die Identität von Substanz und Organismus

Hans Jonas betrachtet in „Der Organismus als Freiheit“ den Lebensbegriff aus ontologischer Perspektive und erweitert den Begriff des Organismus, der auch bei Heidegger eine zentrale Rolle spielt. Zunächst unterscheidet Jonas zwischen bloßer Materie bzw. der Substanz, und dem Lebewesen bzw. Organismus. Wie bei Heidegger ist die Substanz auf ontologischer Ebene die Spitze des Seins, d. h. jenes, das als Seiendes identifizierbar ist. Parallel dazu ist auf biologischer Ebene der Organismus der Gipfel des Lebens. Jonas’ Abgrenzung des Organismus von Substanz wird über den Ansatzpunkt der Identität zugänglich. Bloße Materie ist mit sich selbst identisch. Ihre Identität lässt sich durch eine Raum-Zeit-Stelle bestimmen. Hätte man ein Koordinatensystem mit einer Zeit- Achse und einer Raum-Achse, so könnte man den genauen Punkt der Substanz darin markieren. Damit wird der Substanz aber auch jegliche Freiheit entzogen, weil sie in ihrer Existenz determiniert wird und zu keiner eigenständigen Varianz fähig ist. Da die Substanz mit dem Stoff, aus dem sie besteht, identisch ist, fehlt ihr die Möglichkeit zur Dynamik und Veränderung. Die Existenz der bloßen Materie ist Beharren, ein passives Andauern ihrer selbst. Ihre Identität ist von äußerem Charakter und besteht ohne eigene Beteiligung. Das Lebewesen ist im Gegensatz zur Substanz nicht mit seiner Materie identisch. Der Organismus erhält seine Identität durch die organisierende Form. Jedes Lebewesen besteht zwar aus Materie, die Jonas nicht vom Organismus trennt, aber in der Materie ist eine Form fundiert, die zum eigenen Zweck des Lebewesens wird. Dieses Ziel des Lebewesens ist die ständige Selbsterneuerung der Materie, aus der sie besteht. Der Organismus steht kontinuierlich im Austausch mit der Umwelt und konstituiert seine Identität immer wieder neu. Seine Identität ist somit nicht die Substanz, weil diese einer permanenten Veränderung unterworfen ist, sondern Funktion und Prozess. Das Lebewesen definiert sich im Gegensatz zur Substanz nicht durch bloßes Beharren, sondern durch Dynamik und Selbsterneuerung. Nach Jonas stirbt ein Lebewesen, wenn es den Austausch seiner Materie beendet und zum bloßen Andauern seiner Substanz wird. Beispielsweise stirbt eine Pflanze, wenn sie aufhört Photosynthese zu betreiben. Das Lebewesen ist nichts an sich Existierendes, sondern muss sich selbst immer wieder aufs Neue erschaffen.

2. Die Bedeutung der Form bei Organismen

Mit der Einführung der organisierenden Form, verweist Hans Jonas auf den Lebensbegriff bei Aristoteles. Die Form des Lebens ist bei Aristoteles die Seele. „Die Seele verhält sich zum Körper so, wie die Form zur Materie“. Die Form bei Jonas findet ähnlich wie beim Seelenbegriff den Zweck des Lebens in sich selbst und verweist damit auf den aristotelischen Begriff der Entelechie. Er bedeutet soviel wie „das Ziel innehaben“. Dieses Ziel gehört aber nach seiner Vollbringung nicht der Vergangenheit an, sondern wird vom Lebewesen gehalten. Interessant ist, dass Hans Jonas den Begriff der Seele meidet. Seit der Frühen Neuzeit ist Seele in der Philosophie immer mehr problematisiert worden. Unsterblichkeit der Seele oder Seelenwandel reichen nicht mehr aus, um den unbegreiflichen Tod begreifbar zu machen (vgl. etwa die Kritik der Seele in Kants “Transzendentaler Dialektik”). Tod wird zur Norm, man geht von toter Materie aus und versucht die Unwahrscheinlichkeit des Lebens zu erklären. Nach Hans Jonas ist organisierende Form etwas, das toter Materie Lebendigkeit verleiht. Bei der Substanz hat die Form zunächst keine Bedeutung für deren Identität. Die Substanz ist mit sich selbst identisch, sodass Form nur etwas Äußeres für die Materie ist. „Im Leblosen ist die Form nichts als ein wechselnder Zustand der bleibenden Materie“ (566). Form wird für Jonas erst dann relevant, wenn Dynamik und Veränderung ins Spiel kommen. „Die Eigenständigkeit der lebendigen Form zeigt sich primär darin, daß sie ihren stofflichen Bestand nicht ein für allemal hat, sondern ihn in ständigem Aufnehmen und Ausscheiden mit der umgebenden Welt austauscht – und dabei sie selbst bleibt“ (566). Die lebendige Form ist kein fixer Zustand, sondern ein ständiger Austausch der Materie mit der Außenwelt. Sie ermöglicht es, dass das Lebewesen trotz der fortlaufenden Selbsterneuerung seine Identität beibehält. Woher kommt die Form? Nach Jonas muss sie ihren Ursprung in der Materie haben. Die Materie macht sich selbst dann zu etwas anderem, nämlich der lebendigen Form. Es wird jedoch nicht klar, wie die Form in die Materie gelangt ist: Es ist “ein paradoxer Zustand, in dem die Materie sich selbst zum Zustand von etwas anderem macht” (566).

3. Zeitlichkeit

Wie ist nach Jonas der Zusammenhang von Form und Zeit im Leben zu denken? Die Form verändert sich über einen gewissen Zeitraum wie zum Beispiel der menschliche Körper im Laufe des Lebens. Diese Veränderung ist für Jonas das Lebendige. Anhand der Materie lassen sich Rückschlüsse auf die zeitliche Verfasstheit ziehen. Die Bedeutung von Form bezieht sich auf Ort und Zeit. Hinzu kommt eine chemische oder physikalische Analyse, aber zur Bestimmung der Identität einer Form reichen Raum und Zeit als Koordinaten. Die Identität der blossen Materie wird konstituiert durch die Raum-Zeit-Stelle. Etwas ist zu dieser Zeit an diesem Ort. Darin besteht seine Identität. Raum und Zeit fungieren sozusagen als Korsett. Die Funktion ist abstrakter als Substanz, da letztere keine besondere Zeitlichkeit aufweist. Substanz ist das bei allem Wechsel Verharrende und damit spielt die Zeitlichkeit keine Rolle. Substanz hat keine Zeitlichkeit. Anders verhält es sich bei der Gegenüberstellung mit dem Organismus, der eine Durchgangsstation für die Materie ist, die völlig indifferent ist.

Wie bei Plessner weist das Vorantreiben des Organismus eine gewisse Zeitlichkeit auf. Bei Aristoteles ist von Entelechie die Rede. Sobald etwas ein Ziel (telos) in sich hat, hat es Zeitlichkeit. Wenn wir keine Ziele haben, ist Zeit nicht bedeutsam. Eine Zeit, die eine Füllung der Zeit durch Ziele hat, ist hingegen von Bedeutung. Sie wird durch Ziele bedeutsam, aber nicht in dem Ausmaß wie für unsere Existenz. Das wäre eine Stufe höher.

4. Freiheit

Nach Hans Jonas ist der Organismus eine Form von Freiheit. Bei Kant war der Organismus die Wechselwirkung, eine natürliche Entität, die von sich selbst Ursache und Wirkung ist. Inwiefern kann Jonas das Leben im Organismus als Freiheit bezeichnen? Für Jonas ist Leben eine besondere Form der Freiheit, was bei Kant bereits im uneigentlichen Sinne angedeutet wurde (als Heautonomie im Gegensatz zur Autonomie). Die Frage, die sich stellt, ist, ob von einer analogischen Form von Freiheit oder von einer ontologischen Form die Rede ist. Sieht Jonas das Leben als etwas, das tatsächlich Freiheit verkörpert oder soll es heißen, dass wir den Organismus nur in Analogie zum Freiheitsbegriff denken können, wie in der Kantischen Tradition „als ob“? Wahrscheinlicher ist, dass Jonas die ontologische Form meinte. Das Phänomen des Lebens ist ein Phänomen der Freiheit. Die Hauptthese ist, dass wir Leben nur am Leitfaden der Freiheit verstehen. Die Freiheit besteht in der Emanzipation, der negativen Freiheit von der unmittelbaren materiellen Identität. Hier lässt sich schön zeigen, dass man die Freiheit graduell immer weiter stufen kann. Über die zunehmende Freiheit wird das blosse Leben zu einer Person und dies baut sich immer weiter auf.

5. Der Zusammenhang von Freiheit und Zeitlichkeit

Das Leben ist sterblich und damit zeitlich begrenzt. Gesundheit ist nur Abwesenheit von Krankheit und Leben die praktische Abwesenheit von Tod. Etwas, das nicht in seiner Identität abgeschlossen ist, ist in jedem Augenblick seineeigene Schöpfung. Sobald von Schöpfung die Rede ist, ist eine Art Selbstzweckhaftigkeit, die sich selbst realisiert, gemeint, also Freiheit. Der Schöpfungsakt ist eine Aktivität. In seiner körperlichen Vorhandenheit (vgl. Heidegger) lässt sich ein Lebewesen nur wie eine tote Materie beschreiben, wenn man die Zeitlichkeit außer Acht lässt. Die Bedeutung der Zeitlichkeit für das Leben wird am Beispiel komplexer Organismen, wie etwa von Säugetieren, deutlich. Denn ihre Materie kann sich innerhalb kürzester Zeit radikal wandeln, ohne dass sich dadurch ihre Identität ändert. Wäre dies bei bloß materiellen Objekten der Fall, so könnte man nicht mehr von einer Identität sprechen.

6. Literatur

Hans Jonas: Organismus als Freiheit. In: Ders.: Kritische Gesamtausgabe der Werke, Abt. II Vorlesungen II/3: Leben und Organismus. Hrsg. v. Dietrich Böhler/Walter Ch. Zimmerli. Darmstadt 2016, S. 559-582.

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2 Kommentare zu Protokoll zur Sitzung vom 13.6.2016: Hans Jonas’ Begriff des Organismus

  1. PMexner sagt:

    Hallo,
    ich habe eine Frage: Ihr habt ein tolles Protokoll gemacht, und habt auch Zitate mitreingetan. Nun meine Frage: die Zitate und auch die Seitenzahlen passen nicht zu dem Text von Jonas, der in unserem Reader drinsteht. Was ist da passiert? Aus welchem Text habt ihr die Zitate genommen? In dem Readertext finde ich die Zitate nicht.
    Liebe Grüße

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