Protokoll zur Sitzung vom 04.07.2016: Ontologie des Lebens

1. Das Lebewesen – ein ontologischer Begriff
2. Die Natur von Lebewesen
2.1 Die Beschaffenheit von Lebewesen in der neoaristotelischen Substanztheorie
3. Alternative Ontologien
4. Literaturverzeichnis

1. Das Lebewesen – ein ontologischer Begriff

Wie auch Georg Töpfer, vertritt Marianne Schark in ihrem Text „Lebewesen als ontologische Kategorie“ (2005a) sowie in ihrer Abhandlung „Lebewesen versus Dinge. Eine metaphysische Studie“ (2005b) die These, dass der Begriff des Lebewesens kein biologischer ist. Vielmehr handelt es sich nach Schark demnach um eine ontologische Größe. Der Terminus des Lebewesens beschreibt in diesem Sinne ein Wesen, dem in seiner konstitutiven Einheit spezifische Vermögen und Betätigungen zugeschrieben werden.[1] Hierin liegt das Problem einer naturwissenschaftlichen Verwendung des Ausdrucks, da diese Potenzen per definitionem nicht in biologischen Kategorien gefasst werden können. Potentielle Fähigkeiten sind nicht in einem naturwissenschaftlichen Verständnis empirisch erfassbar. Diese Schwierigkeit verweist auf die grundlegende Problematik moderner Wissenschaften mit dem aristotelischen Theorieansatz.

Die Biologie setzt daher zur Beschreibung der als Lebewesen verstandenen Entitäten an den Begriffen des Organismus sowie des lebenden Systems an, da diese im Rahmen einer Prozesstheorie einfacher zu beschreiben sind als bestimmte Vermögen.[2] Die beiden Ausdrücke werden in diesem Zusammenhang synonym zu dem Begriff des Lebewesens genutzt. Allerdings, so hebt Schark hervor, handelt es sich bei letzterem um den fundamentalen kategorialen Begriff der eine spezifische Wesensform beschreibt, die in der Folge erst zum Gegenstand der Biologie wird. Zur adäquaten Beschreibung des Terminus muss daher über biologische Erklärungsversuche hinausgegangen werden.[3]

Schark versteht Lebewesen in Anlehnung an Aristoteles primär als Selbstregeneratoren, da die fortlaufende Regeneration der körperlichen Bestandteile die Basis ihrer charakteristischen Persistenz bildet. Sie richtet sich gegen die, beispielsweise von van Inwagen vertretene Ansicht, Lebewesen seinen als Materiestrudel analog zu sich selbsterhaltenden Entitäten wie Wasserwellen und Flammen und somit als Ereignisse zu verstehen.[4] Um ihre These zu verteidigen, arbeitet Schark mit Rückgriff auf die neoaristotelische Substanztheorie Kriterien für die Beschaffenheit von Lebewesen heraus, nach denen diese von den genannten Entitäten divergieren.

2. Die Natur von Lebewesen

Für eine dezidiertere Bestimmung der Natur von Lebewesen bedarf es demnach einer Kategorisierung. Zu klären ist dabei, zu welcher Art von Entitäten Lebewesen zu zählen sind. Schark rekurriert zu diesem Zwecke auf den ontologischen Ansatz der neoaristotelischen Substanztheorie.

2.1 Die Beschaffenheit von Lebewesen in der neoaristotelischen Substanztheorie

Die zentrale Differenzierung in der neoaristotelischen Substanztheorie liegt in der Unterscheidung zwischen Kontinuanten und Ereignissen. Im Anschluss an Aristoteles sind Lebewesen der Kategorie der Kontinuanten zuzuordnen und stellen nicht etwa ein zeitlich begrenztes Ereignis oder einen spezifischen Zustand dar.[5] Kontinuanten sind zwar in die Zeit eingebettet, können jedoch nicht in temporäre Phasen oder Teile eingeteilt werden. Ein Kontinuant entsteht zu einem bestimmten Zeitpunkt und ist bis es vergeht zu jedem Zeitpunkt seiner Existenz als Ganzes präsent. Als Gegenbeispiel führt Schark hier die Mitose an, die erst nach Abschluss der Zellteilung vollständig vorliegt.[6] Bei genauerer Betrachtung ist eine solche Unterscheidung jedoch diskussionswürdig. So stellt sich beispielsweise die Frage, ob die Mitose eher als ein Prozess der fortlaufenden Identitätsherstellung zu interpretieren ist oder die in der Zellteilung übermittelte Information Kontinuität aufweist.

Kontinuanten zeichnen sich überdies durch Wandelbarkeit aus. Im Zuge dieser selbsterzeugten Veränderungen entstehen jedoch nicht etwa neue Individuen. Vielmehr durchläuft ein spezifisches Individuum hierbei verschiedene Stadien, wobei das Wesen desselben bestehen bleibt.[7] Nicht nur Lebewesen, auch Stoffportionen und Dinge fallen, wie Schark deutlich macht, unter die Kategorie der Kontinuanten. Zur Differenzierung dieser Entitäten sind daher zwei weitere Unterscheidungen essentiell.

Zunächst sind Lebewesen und Dinge von einfachen Materieportionen abzugrenzen. Konträr zu den lebensweltlichen Begriffen für Stoffportionen bezeichnen die alltäglichen Ausdrücke für Lebewesen und Dinge sortale Begriffe. Als sortal gilt ein Begriff, wenn bei einer beliebigen Teilung des bezeichneten Gegenstands keine weiteren Gegenstände derselben Art hervorgehen. Ein solcher in aristotelischen Termen „anhomöomer“ Gegenstand ist folglich nicht als die Summe seiner Teile, sondern ein „(…) (aus Teilen bestehendes) Ganzes (…)“ (Schark 2005b, S.122) zu begreifen. Die einzelnen Bestandteile des Gegenstands müssen dabei immer in einer spezifischen Form angeordnet sein. Indem hier das Ganze also immer einen bestimmten Bezug zu seinen Teilen herstellen muss, beziehungsweise eine spezifische Einheit bildet, kennzeichnen sortale Gegenstände Individuen sui generis. Sortale Einzeldinge, wie Lebewesen und Dinge, sind somit von Aggregaten, zu denen die Stoffportionen zählen, zu unterscheiden, die sich aus der Summe ihrer Teile, folglich aus einer beliebigen Anordnung ihrer Bestandteile, ergeben.[8]

Die zweite wesentliche Unterscheidung betrifft Lebewesen und Dinge. Die Differenz liegt hier in der Form ihrer Persistenz. Sowohl Lebewesen als auch leblose Dinge sind kontinuierlich an einem Ort im Raum präsent und existieren in ihrer charakteristischen Struktur solange, bis diese zugrunde geht. Im Gegensatz zu leblosen Dingen sind Lebewesen jedoch als Organismen zu begreifen, deren organischen Bestandteile sich in einem beständigen Wechsel befinden, sich fortlaufend neu anordnen und die somit eine Entwicklung durchlaufen. So halten sich Lebewesen folglich auch durch ihren Stoffwechsel selbst am Leben. Beide Aspekte sind relevant, um Lebewesen nicht fälschlicherweise als reine Prozessgestalten zu verstehen oder mit leblosen Dingen gleichzusetzen.[9]

An der Beschaffenheit der Lebewesen als persistierende Organismen erklärt sich denn auch, warum Flammen oder Wasserwellen keine solchen Entitäten darstellen. Während bei ersteren Körper persistieren, handelt es sich bei Flammen oder auch Wasserwellen um phänomenale Gestalten, die sich aus einer Summe von Mikroprozessen ergeben. Lebewesen ist somit im Gegensatz zu Flammen oder Wasserwellen ein Körper eigen.[10]

3. Alternative Ontologien

Schark, die sich hinsichtlich der Bestimmung der Natur von Lebewesen für den ontologischen Theorieansatz der neoaristotelischen Substanztheorie stark macht, setzt diesem die beiden alternativen Perspektiven des neocartesianischen Substanzdualismus und der perdurantistischen Prozessontologie gegenüber. Beide Ansätze richten sich gegen die neoaristotelische Sichtweise.

Die wesentliche Differenzierungslinie des neocartesianischen Substanzdualismus verläuft zwischen Geist (res cogitans) und Materie (res extensa). Demnach können Entitäten entlang drei Kategorien – rein geistigen Wesen, Wesen, die über Geist und Körper verfügen sowie bloßen materiellen Körpern – differenziert werden. Diese Perspektive steht mit der neoaristotelischen Linie somit in Konflikt darüber, ob Lebewesen als Körper oder vielmehr Wesen, die einen Körper besitzen, zu definieren sind.[11]

Aus Sicht des Perdurantismus liegt die wesentliche Unterscheidung in der Differenz zwischen Lebendigem und nicht Lebendigem. Sämtliche konkreten Entitäten weisen in diesem Verständnis zeitliche Teile auf. Die einzige Art konkret auftretender Entitäten stellen demnach Prozesse dar. Auch diese Anschauung konfligiert in Bezug auf die Beschaffenheit von Lebewesen folglich mit der neoaristotelischen Theorie. So werden diese hier, wie jegliche Entitäten, konträr zum aristotelischen Verständnis als Prozesse begriffen.[12]

Auch diese beiden alternativen Ontologien unterscheiden sich also im Wesentlichen darin, worin in Bezug auf die Konstitution von Entitäten der fundamentalere Unterschied gesehen wird. Während der Unterschied zwischen Geist und Materie wohl extremer ist, kann mit Blick auf die Priorität argumentiert werden, dass die Differenzierung zwischen Geist und Materie auf der Divergenz zwischen Lebendigem und nicht Lebendigem basiert. Nur sofern etwas Lebendiges vorliegt, kann Selbstbewusstsein beziehungsweise Geist auftreten.

4. Literaturverzeichnis

Schark, Marianne (2005a), „Lebewesen als ontologische Kategorie“, in: Philosophie der Biologie. Eine Einführung, hg. v. Ulrich Krohs und Georg Toepfer, Frankfurt/M., 175-192.

Schark, Marianne 2005b, Lebewesen versus Dinge. Eine metaphysische Studie, Berlin/New York.

[1] Vgl. Schark 2005a, S. 175; Schark 2005b, S. 1 ff., S. 223 ff., S. 242.

[2] Vgl. Schark 2005a, S. 175.

[3] Vgl. Schark 2005a, S. 175 f.; Schark 2005b, S. 3 ff..

[4] Vgl. Schark 2005a, S. 178 f..; Schark 2005b, S. 246.

[5] Vgl. Schark 2005a, S. 180; Schark 2005b, S. 245, 265.

[6] Vgl. Schark 2005a, S. 180 f..

[7] Vgl. ebd., S. 181.

[8] Vgl. Schark 2005a, S. 182 f.; Schark 2005b, S. 121 ff..

[9] Vgl. Schark 2005a, S. 185 ff.; Schark 2005b, S. 219, 223 ff., S. 285 f..

[10] Vgl. Schark 2005a, S.188 f.; Schark 2005b, S. 284 ff..

[11] Vgl. Schark 2005a, S.189 f..

[12] Vgl. ebd.

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