Das Lebewesen – ein Materiesturm?

1 Einleitung
2 Die spezifische Natur lebender Wesen
2.1 Leben als Aktivität versus Leben als Ereignis
2.2 Lebewesen als sich selbsterhaltende Organismen
2.3 Das Lebewesen – ein Prozess?
3 Fazit
Literaturverzeichnis
Primärliteratur
Sekundärliteratur

1 Einleitung

Der Begriff des Lebens stellt einen der essentiellsten Grundbegriffe unserer Lebenswelt dar. Die Frage, wie dieser Begriff zu fassen ist, worin sich Leben manifestiert, verweist unweigerlich auch auf die Frage, wodurch sich Lebewesen als solche auszeichnen. Als lebendes Wesen bestimmt unser durch Erfahrung gewonnenes Verständnis des Lebens- wie auch des Lebewesensbegriffs nicht nur unsere Deutung dieser Ausdrücke, sondern strukturiert weitergehend auch unsere lebensweltlichen Denkmuster. Mit Rückbezug auf biologische Erkenntnisse und Annahmen über das Leben und lebende Wesen werden letztere, neben wissenschaftlichen, auch in anderen gesellschaftlichen Diskursen in einem naturwissenschaftlichen Sinne zumeist mit sich selbsterhaltenen Organismen gleichgesetzt. Dies hat jedoch weitreichende Konsequenzen für die Bestimmung von Lebewesen. Denn beschränkt man sich auf eine solche Definition, bietet dies den Raum die Art der organischen Selbsterhaltung beispielsweise mit der Fortdauer einer Flamme oder eines Wirbelsturms in Analogie zu setzen. Folglich können solche sich ebenfalls selbsterhaltenen Systeme in diesem Kontext als Lebewesen analoge Entitäten begriffen werden. Stellen Lebewesen also ebenso wie Wasserwellen und Flammen prozessuale Gestalten dar, deren spezifische Charakteristik in einem fortlaufenden Materiestrudel liegt? Um ein solches kontraintuitives Verständnis, das eben auch uns Menschen mit Wellen und Stürmen gleichsetzt, zu umgehen, bedarf es offensichtlich einer genaueren Spezifizierung, beziehungsweise die Herausarbeitung weiterer grundlegender Kriterien, um die Natur von Lebewesen adäquat zu beschreiben.

Die vorliegende Arbeit geht daher der Frage nach, warum Lebewesen keine solchen Materiewirbel darstellen. Zu diesem Zwecke werden Marianne Scharks metaphysischen Erörterungen zur Natur von Lebewesen, die sich gegen eine solche Charakterisierung richten, Peter van Inwagens prozessualem Verständnis lebender Wesen kontrastierend gegenübergestellt. Anhand ihrer Widerlegung, der von van Inwagen unterstellten Analogie lebender Wesen mit Wasserwellen, die er in der Folge ebenfalls als reine Materiestrudel auffasst, wird gezeigt, dass Lebewesen eben nicht als solche Prozessgestalten zu fassen sind. Methodisch wird daher zunächst der Ursprung dieser problematischen Annahme herausgearbeitet. Da van Inwagens Analogie auf der Konzeptualisierung des Lebensbegriffs beziehungsweise der Persistenzweise lebender Wesen aufbaut, werden zu diesem Zweck im ersten Teilabschnitt des zweiten Kapitels die unterschiedlichen Lebensbegriffe der beiden Autoren beleuchtet. Im folgenden zweiten Teilkapitel des zweiten Abschnittes wird mit Blick auf die Persistenzprinzipien lebender Wesen gezeigt, dass trotz ihrer Divergenz beide Begriffsbestimmungen bei Beschränkung auf die Art ihrer Fortexistenz Raum für ein derartig prozessuales Verständnis von Lebewesen bieten. Auf dieser Basis soll im letzten Unterkapitel des zweiten Abschnittes schließlich anhand Scharks ontologischer Untersuchung verdeutlicht werden, durch welche spezifischen Kriterien sich Lebewesen, neben der Art ihrer Persistenz sprich ihrer Fähigkeit zur Selbsterhaltung, auszeichnen und warum sie daher in der Folge, konträr zu van Inwagens Auffassung, nicht als Prozesse konzeptualisiert werden können.

2 Die spezifische Natur lebender Wesen

Der Ursprung der unterschiedlichen Definition lebender Wesen seitens Schark und van Inwagen liegt in der Divergenz ihrer Lebensbegriffe. Dass Lebewesen als solche nach Schark nicht, wie von van Inwagen unterstellt, als Ereignisse zu fassen sind, folgt aus ihrer expliziten Differenzierung zwischen Leben und Lebewesen. Wie im ersten Unterabschnitt herausgearbeitet unterscheidet Schark im Gegensatz zu van Inwagen zwischen der Natur und der Existenzweise lebender Wesen. Beide Autoren sind sich somit zwar, wie im zweiten Unterkapitel gezeigt, einig, dass Lebewesen, auch mit Blick auf biologische Erkenntnisse, selbsterhaltene Organismen darstellen. So ist es letztlich die im ersten Unterabschnitt dargelegte fehlende Differenzierung zwischen den Begriffen Leben und Lebewesen, aus der van Inwagens prozessuales Verständnis resultiert, nach dem er letztere auf diese Charakteristik reduziert. Anders als Schark übersieht er in der Folge, wie im letzten Abschnitt des zweiten Kapitels deutlich wird, das wesentliche Kriterium, durch das Lebewesen von prozessualen Entitäten abzugrenzen sind.

2.1 Leben als Aktivität versus Leben als Ereignis

Das kontinuierliche Fortbestehen lebender Wesen liegt, wie Schark mit Verweis auf die aristotelische Formel „vivere viventibus est esse“ hervorhebt darin, zu sein.[1] Diese Aussage kann in zwei unterschiedlichen Interpretationen gefasst werden. Einerseits kann in diesem Kontext (a) das Leben als eine spezifische Art des Seins gedeutet werden. Dieses Verständnis impliziert, dass letzteres für andere Entitäten folglich in etwas anderem besteht als für Lebewesen. Schark zeigt jedoch die Redundanz einer solchen Deutung auf, da Leben sich von anderen Formen des Seins nur dadurch unterscheidet, dass es sich auf lebende Wesen bezieht. Bei sprachlichem Bezug auf andere Entitäten, wird folglich nicht das Attribut „sein“ selbst, sondern lediglich der Gegenstand beziehungsweise das Subjekt auf das es sich bezieht modifiziert. Redundant ist eine derartige Differenzierung von verschiedenen Arten des Seins, da sich die Begriffe „leben“ und „sein“ folglich synonym verwenden lassen, ohne die Bedeutung einer Aussage zu verändern. So ist es unerheblich, ob auf die Existenz eines lebenden Wesens über den Ausdruck „x lebt“ oder „x ist ein Lebewesen und ist“ rekurriert wird.[2] Nach Schark ist daher eine andere, zweite Interpretation vorzuziehen, die dieser Tatsache Rechnung trägt. Leben stellt in diesem Fall eben keine spezifische Ausprägung des Seinsbegriffs dar, viel mehr sind in diesem Verständnis (b) die Begriffe ‚leben‘ und ‚sein‘ für Lebewesen bedeutungsgleich. Da hiermit auf spezifische Einzelexistenzen Bezug genommen wird, kann der Ausdruck ‚sein‘ in der aristotelischen Aussage auch durch den Begriff der Persistenz ersetzt werden. Dieser Ausdruck ist von entscheidender Bedeutung, da er eine temporale Verwendung des Existenzbegriffs kennzeichnet. Er verweist zum einen darauf, dass Menschen sich bei der Nutzung dieses Begriffs, unabhängig ob im Rekurs auf sich selbst oder auf andere endliche Entitäten, des jeweiligen begrenzten Daseins in der Welt bewusst sind. Zum anderen impliziert der Begriff somit zugleich die Annahme einer Welt, die über die eigene Lebensspanne hinaus fortbesteht. Es wird hierbei der raum-zeitlichen Einbettung dieser Entitäten Rechnung getragen, insofern von ihrer Persistenz nur dann gesprochen wird, wenn diese gegenwärtig in Raum und Zeit existieren.[3] Aufgrund dieser ihnen charakteristischen Persistenz, versteht Schark Lebewesen ebenso wie leblose Dinge und Materieaggregate mit Rückgriff auf die aristotelische Substanztheorie im Rahmen eines Kategorienschemas als sogenannte Kontinuanten. Anders als die kategorial von diesen differenzierten Vorkommnisse, stellen derartige Entitäten keine Ereignisse oder Prozesse dar, die in temporäre Abschnitte eingeteilt werden können. In ihrer Persistenz zwar durchaus wandlungsfähig, sind Kontinuanten als materielle Körper in ihrer spezifischen physischen Beschaffenheit jederzeit vollständig, beziehungsweise als Ganzes existent.[4] Schark grenzt Lebewesen somit mittels der Bildung von Kontrastklassen kategorial explizit von Ereignissen ab. Um Lebewesen im Zuge dieser Kategorisierung als eine Kategorie sui generis herauszuarbeiten und somit auch von anderen kontinuierlichen Entitäten abzugrenzen, ist nun der Lebensbegriff von enormer Relevanz, da hier der essentielle Unterschied zu leblosen Dingen und Materieaggregaten zu verorten ist. Denn anders als für diese Entitäten bedeutet zu persistieren für Lebewesen zu leben.[5]

Hinsichtlich der Frage, worin dieses Leben nun genau besteht, ist nach van Inwagen zwischen zwei divergenten sprachlichen Verwendungen dieses Begriffs zu unterscheiden. So wird mit dem Wort Leben demnach einerseits (a) Bezug auf den gesamten Lebenslauf eines einzelnen lebenden Wesens genommen. Es umfasst in diesem Sinne folglich sämtliche Begebenheiten, die sich zeit seiner Persistenz ereignet haben. Andererseits kann mit diesem Begriff jedoch auch (b) auf ein einzelnes konkretes Ereignis rekurriert werden. In diesem Sinne bezieht sich das Wort Leben als ein „count noun“ sprich ein zählbares Nomen auf ein spezifisches biologisches Ereignis, welches sich im Inneren eines Lebewesens abspielt.[6] Van Inwagen selbst versteht Leben in diesem zweiten Sinn. Indem ihm zufolge im temporären Verlauf auf je spezifische Leben rekurriert werden kann, kennzeichnen diese individuale Ereignisse, die in dieser Form auch die Basis für die Individuation einzelner Lebewesen darstellen.[7] Zwar bleibt auch van Inwagen wie Schark im Zuge seiner theoretischen Erörterungen zu materiellen Entitäten dabei im Rahmen der dualen Ontologie von Kontinuanten und Vorkommnissen. Indem er Leben als Ereignisse bestimmt, wird allerdings deutlich, dass er lebende Wesen, anders als Schark, der letzteren Kategorie zuweist. Schark zeigt jedoch die Unzulänglichkeit dieses Verständnisses auf. Denn um ein Ereignis zu bezeichnen, müssten Leben ohne vorherige Individuation einzelner Lebewesen in ihrer jeweiligen Spezifik bestimm- und folglich auch zählbar sein. So können beispielsweise Ereignisse wie die Detonationen einer Bombe ohne Rekurs auf bestimmte Geschosse sinnvollerweise als solche ausgemacht werden. Da eine analoge Bezugnahme auf je spezifische Leben jedoch die vorangehende Individuation eines bestimmten Lebewesens voraussetzt, stellt der Begriff des Lebens im Vergleich eben kein „count noun“ beziehungsweise keinen Begriff dar, durch das ein Ereignis gekennzeichnet wird.[8]

Sofern mit dem Begriff des Lebens also nicht im ersten Sinne (a) auf die Lebensgeschichte eines Wesens rekurriert wird, bezieht sich dieser nach Schark nicht auf ein Ereignis, sondern auf eine den Lebewesen eigene Form der Aktivität. Diese kennzeichnet den Zustand, in dem sich ein lebendiges Wesen befindet, folglich das fortwährende „Am-Leben-Sein“ eines Wesens.[9] Interessant ist die Divergenz ihrer jeweiligen Lebensbegriffe berücksichtigt man, dass sowohl Schark als auch van Inwagen Lebewesen als sich selbsterhaltende organisch strukturiert Systeme verstehen. Während Schark jedoch zwischen Leben als der Persistenzweise lebender Wesen und Lebewesen als Entitäten begrifflich differenziert, nimmt van Inwagen sprachlich keine derartige Unterscheidung vor. So fallen die Frage nach den Bedingungen unter denen elementare Teile ein Lebewesen bilden und die Frage nach Bedingungen unter denen ein Lebewesen persistiert in seinen Erörterungen zusammen. Dies ist seinem analytischen Ziel geschuldet, die Voraussetzungen unter denen gewisse Teile ein Lebewesen bilden anzugeben, ohne auf mereolgische Termini zurückgreifen zu müssen, die das Verhältnis zwischen dem Ganzen und seinen Teilen beleuchten.[10] Eine derartige Gleichstellung reduziert jedoch die Natur lebender Wesen auf die Art ihrer Persistenz. Wie im folgenden Abschnitt deutlich wird, liegt in dieser Reduktion daher auch der Ursprung der von van Inwagen vertretenen Annahme Lebewesen seien Wellen und Flammen analog als bloße, sich selbsterhaltene Materiewirbel zu verstehen.

 

2.2 Lebewesen als sich selbsterhaltende Organismen

Nach Schark kann mit Rückbezug auf die aristotelische Ontologie Leben im Sinne einer spezifischen Form der Aktivität als Zustand der „(…) aktuellen Manifestation der Lebensfähigkeit (…)“ (2005b, S. 211) verstanden werden. Leben besteht in diesem Sinne in der fortwährenden Aktualisierung spezifischer Fähigkeiten, mittels derer die eigene Lebensfähigkeit aufrechterhalten wird. Der Begriff der Lebensfähigkeit impliziert folglich all jene Potentiale über die lebensfähige Wesen verfügen und in denen sie sich von leblosen Dingen unterscheiden.[11] Mit Blick auf Aristoteles‘ ontologische Überlegungen in „De Anima“ kann der Begriff der Lebensfähigkeit dem der „Beseeltheit“ gleichgesetzt werden. Denn Aristoteles zufolge tragen zwar die den lebenden Wesen zugrundeliegenden organischen Körper das Potential zu leben in sich, jedoch ist erst mit der Seele als der „Entelechie“ sprich der Vollendung dieser Körper die tatsächliche Lebensfähigkeit eines solchen Wesens gegeben.[12] Erst wenn der Körper eines Wesens im Zuge seiner Entwicklung über sämtliche Vermögen, in denen seine Lebensfähigkeit begründet liegt, aktuell verfügt, ist dieser Zustand der „Beseeltheit“ demnach erreicht. In diesem aristotelischen Verständnis stellt der Körper also das „physische Substrat“ der Lebensfähigkeit eines Wesens dar. Die tatsächliche Fähigkeit zu leben besitzen diese Entitäten jedoch erst und nur dann, wenn sie eine Seele haben, die folglich ihr eigentliches Wesen ausmacht.[13] Diese Deutung des Lebensbegriffs als Aktualisierung spezifischer Vermögen ermöglicht es nach Schark zudem, Lebewesen als entwicklungsfähige Entitäten zu verstehen. Denn diese Aktualisierung kann nicht nur in der Manifestation bereits vorhandener Vermögen, sondern auch in der Ausprägung beziehungsweise Erlangung dieser Potentiale liegen.[14] So gehören beispielsweise auch Delfinjunge ebenso zur Art der Delfine wie ihre adulten Artgenossen, auch wenn sie noch nicht sämtliche arttypischen Fähigkeiten ausgebildet haben. Hierin unterscheiden sich Lebewesen von leblosen Entitäten, die keine derartige Entwicklungsfähigkeit aufweisen.[15]

 

Da sich die unterschiedlichen Arten lebender Wesen, beispielsweise Menschen und Hunde, aufgrund ihrer divergenten körperlichen Struktur in diesen Potentialen unterscheiden, liegen zwar zahlreiche Vermögen vor, die lediglich Lebewesen zukommen, aber nur einige wenige, die alle lebende Entitäten besitzen.[16] Nur Vermögen auf die beide Kriterien zutreffen, können folglich zur Bestimmung der Natur von Lebewesen herangezogen werden.[17] So stellen nach Aristoteles Fortbewegung, Denkvermögen, Sinneswahrnehmung, Selbsterhaltung über Nahrungsverwertung sowie Fortpflanzung zwar Fähigkeiten dar, die hinreichend zur Bestimmung lebender Entitäten sind. Nur Fortpflanzung und Selbsterhaltung, die er im Begriff der „Nährseele“ fasst, bezeichnen ihm zufolge jedoch konstitutive Charakteristika sämtlicher lebender Wesen.[18] Allerdings, so macht Schark deutlich, kann es lebenden Wesen aus diversen Gründen, beispielsweise Krankheiten, an der Fähigkeit zur Fortpflanzung mangeln. Auch dieses Potential ist somit letztlich nur ein hinreichendes Kriterium zur Bestimmung der Natur von Lebewesen. Folglich ist das Vermögen zur Selbsterhaltung das einzige notwendige Kennzeichen, durch das sich alle lebende Wesen und nur diese auszeichnen.[19] Hinsichtlich naturwissenschaftlicher Erkenntnisse über die Art der Selbsterhaltung lebender Wesen kann diese als eine auf Nährstoffwechsel beruhende Selbstregeneration begriffen werden.[20]

Neben dieser Angabe ihrer charakteristischen Fähigkeiten verweist Aristoteles hinsichtlich der Bestimmung der Natur von Lebewesen auch auf ihre spezifische körperliche Konstitution, ob derer sie über diese Vermögen verfügen. Er grenzt daher die Körper lebender Entitäten aufgrund ihrer organischen Strukturierung von anderen natürlichen Körpern ab.[21] Mit Blick auf Aristoteles‘ ontologischen Erörterungen sind Lebewesen nach Schark daher als organische Körper zu verstehen, die sich durch organischen Stoffwechsel selbst erhalten.[22]

Auch van Inwagen begreift Lebewesen als lebende Organismen, die sich durch den fortwährenden Austausch ihrer grundlegenden organisch-chemischen Komponenten, sprich in Form des Stoffwechsels aufrechterhalten. An seiner metaphorischen Gleichsetzung mit einem sich ebenfalls selbst erhaltenden „pseudo-club“ von Automaten wird in diesem Kontext sein mechanistisches Verständnis lebender Organismen deutlich. In diesem eher statischen Sinn bleibt die Konstitution des Organismus, konträr zu Scharks Konzeption eines entwicklungsfähigen organischen Körpers, aufgrund fester interner Kausalzusammenhänge unverändert.[23] Betrachte man einen solchen Organismus nur mit der Kenntnis physischer und chemischer Zusammenhänge, jedoch ohne Wissen um die Beschaffenheit organischen Lebens, könnte dieser so van Inwagen als „(…) complex self-maintaining storm of atoms“ (1990, S. 87) erfasst werden. Lebewesen stellen in diesem Sinn „self-maintaining events“ (ebd.) dar, die sich von anderen sich derartig selbsterhaltenden Ereignissen wie Flammen und Wellen nur aufgrund ihrer vergleichsweise umfassenderen Individuation unterscheiden.[24] Beschränkt man wie van Inwagen die spezifische Natur von Lebewesen in dieser Form lediglich auf ihre Konstitution als sich selbsterhaltende Organismen, können diese also durchaus als reine Materiestürme bezeichnet werden. Organismen beschreiben aus dieser Perspektive folglich reine Prozess-Gestalten. Ein solches Verständnis ist jedoch zu kurz gegriffen. Wie im folgenden Kapitel anhand Scharks ontologischer Überlegungen dargelegt, bedarf es zur adäquaten Bestimmung der Natur von Lebewesen weiterer essentieller Kriterien. Diese ermöglichen es in der Folge, Lebewesen nicht als derartige Prozessgestalten aufzufassen.

2.3 Das Lebewesen – ein Prozess?

Van Inwagen lässt bei seiner Bestimmung von Organismen respektive Lebewesen ein entscheidendes Wesensmerkmal unberücksichtigt. Indem er ihre Persistenz in Analogie zu der Fortdauer einer Wasserwelle setzt, begreift er diese als reine Prozessgestalt. Eine derartige Deutung lässt jedoch den Aspekt der Körperlichkeit von Organismen beziehungsweise von Lebewesen in ihrer Beschaffenheit als organische Körper gänzlich außer Acht.[25] Wie in Abschnitt 2.1 bereits aufgezeigt, sind Lebewesen – wie Schark in Anlehnung an die aristotelische Substanztheorie im Rahmen ihres umfassenden Kategorienschemas deutlich macht – konträr zu Vorkommnissen und Ereignissen als Kontinuanten durch materielle Körperlichkeit gekennzeichnet. Als solche kommt ihnen überdies das Merkmal der Sortalität zu. Gemäß dem „mereologischen Kriterium“ für Sortalität stehen die Bestandteile lebender Wesen demnach in einem spezifischen Verhältnis zueinander und folgen einer bestimmten Struktur. Sie können somit nicht als die bloße Summe ihrer Teile begriffen werden.[26] Lebewesen zeichnen sich daher nicht nur prinzipiell durch Körperlichkeit aus, sondern sind überdies mit der  „(…) Vorstellung eines Wesens, dessen Körper eine bestimmte Gestalt und anatomische Organisation aufweist (…)“ (Schark 2005b, S. 264) verbunden. Ob dieser sortalen Bestimmbarkeit markieren lebende Wesen entsprechend der These der „Sortalabhängigkeit der Identität“ konkrete Einzeldinge. Sie werden demnach nicht als bloße Materiemassen, sondern viel mehr als Individuen verstanden. Nur in ihrer Charakteristik als körperlich-sortale Kontinuanten sind Lebewesen folglich als spezifische Einzeldinge in Raum und Zeit identifizierbar; kann der Verlauf ihrer Existenz nachgezeichnet werden.[27]

In der Folge übersieht van Inwagen daher auch das wesentliche Spezifikum des Stoffwechsels von Lebewesen, der ja den Ursprung seines prozessualen Verständnisses lebender Wesen bildet. Auch hier ist der Aspekt der Körperlichkeit lebender Wesen von essentieller Bedeutung. Denn aus ontologischer Perspektive fallen unter diesen Begriff nach Schark nicht nur die innerhalb der Organismen und Mikroorganismen stattfindenden chemischen Reaktionen. Viel umfassender zeichnet sich dieser durch den „(…) obligatorische[n] Transport von Stoffen über die eigene Körpergrenze hinweg sowie de[n] sich daran anschließende[n] interne[n] Stoffwechsel (…)“ (Schark 2005b, S. 276) aus. Die Persistenz lebender Wesen basiert daher zum einen auf einer spezifischen körperlichen Struktur, wobei die Bestandteile dieses Körpers zum anderen einer fortlaufenden, über die eigene stabile Körpergrenze hinausgehenden, Alternation ihrer molekularen Elemente unterworfen sind.[28] Hier wird wiederum der Aspekt der Identität lebender Wesen noch deutlicher. Indem sie im Zuge des Stoffwechsels eine interne Sphäre schaffen, mittels derer sie sich von ihrer Umgebung aktiv abgrenzen, kann sämtlichen lebenden Wesen zumindest „(…) eine minimale Form von Subjektsein (…)“ (Schark 2014, S. 248) zugewiesen werden.[29]

Es ist dieses Attribut der spezifischen Körperlichkeit lebender Wesen, welches die Unzulänglichkeit der von van Inwagen aufgeführten Analogie mit prozessualen Entitäten wie Wasserwirbel verdeutlicht. Zwar wird nach Schark in manchen Kontexten auf diese oder ähnliche Prozessgestalten durchaus in einer sprachlichen Form Bezug genommen, als bezeichneten diese ebenfalls Kontinuanten. So beispielsweise in der Beschreibung einer sich auf der Wasseroberfläche fortbewegenden Welle oder einer sich ausbreitenden Flamme. Gewiss kann die Persistenz des organischen Körpers lebender Wesen der Fortdauer derartiger Entitäten in Analogie gesetzt werden, da beide auf einem fortlaufenden Stoffwechsel basieren.[30] Allerdings erzeugen letztere eben nur den Anschein von Kontinuanten. Indem sie das bloße Aggregat oszillierender Moleküle darstellen, sind sie jedoch viel mehr der Kategorie der Vorkommnisse zuzuordnen. Was sich dem Betrachter als Wellen- oder Flammenform darbietet, ist bloß eine „(…) rein phänomenale Gestalt (…)“ (Schark 2005b, S. 284), die sich aus der Abstraktion von den ihr zugrundeliegenden Einzelprozessen – dem fortwährenden Wechsel der Moleküle – ergibt. Als konkreter organischer Körper besitzen Lebewesen konträr zu derartigen Entitäten eine stabile Körpergrenze. Sie sind „(…) nicht identisch mit Aggregaten der Materieteilchen, aus denen sie je zu einem Zeitpunkt bestehen“ (ebd., S. 285).[31] Da die Identität eines Wesens an seine sortale Bestimmbarkeit und somit an den Besitz eines konkreten materiellen Körper geknüpft ist, müsste man Lebewesen und somit auch uns Menschen, folgt man van Inwagens prozessualer Konzeption, folglich den Besitz jeglicher Form der Identität absprechen. Nicht nur aus unserer Selbstwahrnehmung als lebendes Wesen, das über einen konkreten, in seiner Grundstruktur gleichbleibenden Körper verfügt und sich als Individuum begreift, ist ein solches Verständnis daher zu verwerfen. Indem im Zuge ihrer Persistenz zu jedem Zeitpunkt ihrer Existenz spezifische materielle Körper gebildet werden, ist eine derartige prozessuale Konzeption von Lebewesen, wie mit Blick auf Scharks Erörterungen deutlich wurde, auch aus ontologischer Perspektive nicht haltbar.[32]

3 Fazit

Aus der Gegenüberstellung van Inwagens und Scharks ontologischer Untersuchungen geht hervor, dass eine adäquate Bestimmung der Natur von Lebewesen über das Merkmal der Selbsterhaltungsfähigkeit hinausgehen muss. Um lebende Wesen mit Blick auf diese durchaus essentielle Fähigkeit nicht wie van Inwagen als reine Prozessgestalten zu definieren, ist die Angabe weiterer wesentlicher Kriterien notwendig. Mit Blick auf Scharks Überlegungen zeigt sich, dass neben der Fähigkeit zur Selbsterhaltung durch einen fortwährenden Stoffwechsel insbesondere der Aspekt der Körperlichkeit von entscheidender Bedeutung ist. Können Lebewesen durch erstere von leblosen Dingen unterschieden werden, verweist ihre spezifische körperliche Struktur darauf, dass es sich hier, trotz einer gegebenen Ähnlichkeit in ihren Persistenzweisen, eben nicht analog zu Wasserwellen um bloße Prozessgestalten handelt. Beide Faktoren sind entscheidend, will man Lebewesen in ihrer spezifischen Natur erfassen.

Abschließend lässt sich somit festhalten, dass Lebewesen keine prozessualen Materiestürme darstellen, sondern organische Körper sind, die sich durch die Regeneration ihrer Körperteile in Form eines über die eigene Körpergrenze hinausgehenden Stoffwechsels selbst erhalten. Sowohl eine stabile körperliche Grundstruktur, als auch die fortlaufende mereologische Veränderung ihrer körperlichen Beschaffenheit kennzeichnen somit die wesentlichen Merkmale lebender Wesen. Ließe man wie van Inwagen den Aspekt der Körperlichkeit unbeachtet, hätte dies auch weitreichende ethische Konsequenzen. Denn nur bei gleichzeitiger Berücksichtigung ihrer Konstitution als sortal bestimmbare Körper können Lebewesen einerseits als in ihrer Spezifik identifizierbare Individuen sowie andererseits als entwicklungsfähige Entitäten begriffen werden.

Für weitergehende Forschungsarbeiten wäre es daher von Interesse, den unterschiedlichen normativen Implikationen nachzugehen, die sich aus den hier behandelten divergenten ontologischen Überlegungen ergeben. Denn an welche ontologische Tradition argumentativ angeschlossen wird – ob wie bei Schark an der aristotelischen oder wie bei van Inwagen an einer perdurantistischen Perspektive – ist an das jeweilige Analyseziel geknüpft und geht in dieser Form mit einem je spezifischen Lebens- und Menschenbild einher.

Literaturverzeichnis

Primärliteratur

Schark, Marianne: Lebewesen als ontologische Kategorie, in: Philosophie der Biologie. Eine Einführung, hg. v. Ulrich Krohs und Georg Toepfer. Frankfurt am Main 2005a, S. 175-192.

Schark, Marianne: Lebewesen versus Dinge. Eine metaphysische Studie. Berlin/New York 2005b.

Sekundärliteratur

Aristoteles: Über die Seele, übers. u. hg. v. Horst Seidl. Hamburg 1995.

Schark, Marianne: Über Leben. Der Lebensbegriff in Lebenswelt, Biologie und Ethik. In: Jahrbuch für Wissenschaft und Ethik Volume 18 (2014), S. 235-260.

Van Inwagen, Peter: Material Beings. Ithaca 1990.

 

[1] Vgl. De Anima II 415b; Schark 2005a, S. 184 (Mit der Sigle „De Anima II“ wird im Folgenden auf das zweite Buch der aristotelischen Schrift „Über die Seele“ verwiesen, wobei sich auf die im Literaturverzeichnis aufgeführte Ausgabe bezogen wird.).

[2] Vgl. Schark 2005b, S. 131 ff..

[3] Vgl. Schark 2005a, S. 184; Schark 2005b, S. 134 ff..

[4] Vgl. Schark 2005a, S. 180 f.; Schark 2005b, S. 119 ff..

[5] Vgl. Schark 2005a, S. 184; Schark 2005b, S. 144 f..

[6] Vgl. van Inwagen 1990, S. 83.

[7] Vgl. ebd., S. 87.

[8] Vgl. Schark 2005b, S. 204 f..

[9] Vgl. Schark 2005a, S. 185; Schark 2005b, S: 205, 211.

[10] Vgl. Schark 2005a, S. 185; van Inwagen 1990, S. 31, 81 ff..

[11] Vgl. Schark 2005b, S. 242.

[12] Vgl. De Anima II, 412a.

[13] Vgl. ebd. 412a, 412b.

[14] Vgl. Schark 2005b, S. 223 ff.; Schark 2014, S.237.

[15] Vgl. Schark 2005b, S.223.

[16] Vgl. De Anima II 414a.

[17] Vgl. Schark 2005b, S. 245.

[18] Vgl. De Anima II 413a; 415a.

[19] Vgl. Schark 2005a, S. 176 f.; Schark 2005b, S. 246; Schark 2014, S. 239 f..

[20] Vgl. Schark 2005a, S. 179; Schark 2014, S. 240.

[21] Vgl. De Anima II 212a.

[22] Vgl. Schark 2005b, S. 276 f..

[23] Vgl. van Inwagen 1990, S. 84 ff..

[24] Vgl. ebd., S. 87 ff..

[25] Vgl. Schark 2005a, S. 187; Schark 2005b, S.278; Schark 2014, S. 250.

[26] Vgl. Schark 2005a, S. 182 f.; Schark 2005b, S. 119 ff..

[27] Vgl. Schark 2005a, S. 183f.; Schark 2005b, S. 123 ff..

[28] Vgl. Schark 2005b, S. 276 f., S. 282; Schark 2014, S. 247.

[29] Vgl. ebd., S.247 f..

[30] Vgl. Schark 2005a, S. 188; Schark 2005b, S:283 f.; Schark 2014, S. 250.

[31] Vgl. Schark 2005a, S. 188; Schark 2005b, S. 284 ff..

[32] Vgl. Schark 2005a, S. 188; Schark 2005b, S. 285 f.; Schark 2014, S. 250.

Dieser Beitrag wurde unter Blog abgelegt und mit , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar